Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.

Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon ahnen solle, auch Olga nicht.

Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.

Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.

Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf Nadeln träte.

Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach Petermann.

Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.

Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette, und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde. Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.

Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.

Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen Beamten.