Aber diese Bilder wurden zur Qual.
Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander, miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten, aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen tat weh.
Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischen reifenden Kornfeldern. Wenn wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der Welt uns bevorstand.
Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir. Mit wem nur? Mit wem?“
„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und jeder Genuß zur Qual.“
Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn sie bei mir geblieben wäre.“
Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger Einsamkeit.
Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie verlasse.“
Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.
Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand nackt vor sich und schrie vor Weh.