Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde geweckt, gekräftigt, klargestellt.

Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um einen Schritt vorwärts, nicht zurück.

In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.

Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus diesem Sumpfland hinausführen.

Es kam keine Antwort. – – –

Aber der Frühling kam über alle diesem.

Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus, die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.

Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.

Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor ihr und wurde nicht umgeschlagen.

Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die Phantasie anregten und Bilder wachriefen.