Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt, mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten gepuderten Armen und Schultern herumliefen.
Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer, die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung, Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn verfallen waren.
Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde, durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.
Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen Beziehungen gestanden – den er geliebt hatte!
Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische, naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog Schlüsse und stellte Vergleiche an.
Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für schöne Stiefel.
Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.
Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen uns trennen.
Und jetzt? Und nun?
Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie denkst du darüber?