Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte, verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.

Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden Ton.

Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –

Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.

Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht war.)

Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in einen anderen Raum zu schleppen.

Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.

Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges, heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung, sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen war.

Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher, Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane, medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten dasselbe Thema.

Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.