Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.

Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte, schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.

Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch ein solches Leben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum, unausdenkbares Glück mit Olga.

Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte. Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert, leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich Unannehmlichkeiten abzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam. Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.

Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf Madagaskar.

Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu sein.

Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...

Ein Leben ohne Olga ...?

Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.

Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.