Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte, Tränen, Bewegungen.

„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.

Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens Hand.

„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter- und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit – nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“

Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen schüttelten sie durcheinander.

Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte, wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:

„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der Haustür hinüber – aber immer vergebens.

Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an eine solche Person verschleudert habe.

Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga. Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr die Wunde gerissen hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.