Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei, die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.
Auf der Straße holte der Wagen mit ihren Leuten sie ein. – – –
Onkel Jürgen blieb noch eine Zeit lang in Berlin. Er benahm sich recht merkwürdig. Er war still und gütig und richtete auf Metten immer ein paar ehrliche, angstvolle, blaue Augen und sprach zu ihr immer in einem leicht gerührten Ton. Von dem Geld und der Flucht war nie mehr die Rede.
Wenn Mette zuweilen – oft geschah es ja nicht – über dieses Benehmen nachdachte, meinte sie, es nur auf eine Weise erklären zu können. Sie glaubte nicht, daß es Reue war, weil sein heftiger Brief ihres armen Vaters Tod verschuldet hatte. Sie kam auch nicht auf den Gedanken, daß er versuchte, sie durch Liebe und Güte zu gewinnen. Nein, wahrscheinlich tat sie ihm leid. Er hatte Olga Radó gesehen. Er hatte ihre Stimme gehört. Er hatte einen Hauch ihrer Macht gespürt. Wenn Mette das dachte, liebte sie ihn fast.
Und er hatte es gehört, wie Olga sie verleugnet und verraten und gedemütigt hatte. Nun hatte er Mitleid mit ihr. – Wenn Mette das dachte, so haßte sie ihn.
Auch Tante Emilie war von einer sonderbaren Sanftmut. Mette dachte später manchmal, daß es besser gewesen wäre, wenn die Leute in dieser Zeit sie gequält und gepeinigt hätten und sie stark gemacht hätten in stählendem Haß. – – –
Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer durch die Länge der Schleier auszusprechen.
Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.
Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und schmerzgezeichnetem Mund, dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog sich qualvoll zusammen.
Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.