Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.
Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und prüfte in Angst ihr Gefühl.
Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus. Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder haben, ich werde ein Heim haben, ich werde immerfort zu tun haben – vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten ertragen.“
Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so schnell vergessen worden war.
Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar Metten.
Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen, weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie sie am schmerzlichsten verletzen.
Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigen auf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.
An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war ein kleines Gartenfest in der Villa ihrer Schwiegereltern. Es war ein sehr heißer Sommertag, der neunzehnte Juni, und auf Tante Emiliens Zureden zog Mette zum erstenmal wieder ein weißes, schwarzgesticktes Kleid an.
Alls sie draußen in der fremden Wohnung unter vielen fremden Menschen an einem Spiegel vorüberstreifte, erkannte sie sich nicht.
Sie erschrak und wurde den Gedanken nicht wieder los, daß sie nicht das hübsche, weiß gekleidete Mädchen sei, was am Arm eines fremden Mannes ihr aus dem Spiegel entgegenlächelte.