Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um, die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.

Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter, eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von ihr abwenden – für lange Zeit nicht.

Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen, metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab. Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen, weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.

Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie „geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.

Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.

Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen, hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften arbeiten.

Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut – und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:

„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.

Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.

Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden. Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde galt.