Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal mit solchem Anliegen kam.
Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden Pathos.
Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:
„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“
„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.
Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich, dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.
Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite zu werfen.
„Was für eine Sprache, meine ich?!“
Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen. Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.
Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der höheren Tochter: