„Ja,“ sagte Peterchen nachdenklich, „ich fühle deine Kraft – fast mit Neid. Sie hat dir unendlich viel gegeben. Ich kann nicht los von dem Gedanken ... vielleicht hatte sie doch recht: ‚Qui vivens laedit, morte medetur‘ – was lebend verwundet, heilet im Tod.“

„Nein, nein, sag das nicht!“ sagte Mette mit einer fast flehenden Bewegung. „Ich will es nicht hören, weil es nicht wahr ist. Aber ich habe die heilige Überzeugung – und das dank ich ihr tausendfach mehr als alles andere – daß der Satz umgekehrt wahr ist – hilf mir, Peterchen, mit meinem Latein ist es schwach bestellt: Qui vivens laeditur, morte ... nein, es geht nicht ... medetur ... das sind die verflixten Deponentia, davon kann ich keine Passivform bilden. Aber du weißt ja, was ich meine: Was lebend verwundet wird, wird im Tode geheilt ... das heilt der Tod ... mors medetur, nicht wahr, das kann man sagen?

Und siehst du, das ist das größte: die Stunde Lust, die ich auf diesem Maskenball des Lebens vielleicht noch finden kann, die dank ich ihr – aber wenn mir das Treiben zuwider wird, dann dank ich ihr den Schlüssel zur Ausgangstür.“

„Ja,“ sagte Peterchen ein wenig bitter, „einen sechsläufigen Revolver!“

„Oh,“ sagte Mette, „mehr als das: damit allein ist es nicht getan. Weißt du nicht, was die kleine Seejungfer sich wünschte, um was sie sich die Zunge herausschneiden ließ, um was sie bei jedem Schritt tausendfältige Schmerzen litt, was nur eine große, große Liebe ihr geben konnte? Mir hat es Olga gegeben. Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht, um allen Möglichkeiten der verhüllten Zukunft mit unzerstörbarer Ruhe entgegenzugehen: einen sechsläufigen Revolver ... und eine unsterbliche Seele!“

Askanischer Verlag Berlin SW

In unserem Verlage erschien von
Anna Elisabet Weirauch

Der Tag der Artemis
Drei Novellen

„Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern macht, der Tag, an dem im jungen Menschenkinde unerkannt, gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das Geschlecht sich regt.

Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte. Schwärmerische Neigung, ehrliche Kameradschaft, Eifersucht, Haß, gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in diesen unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe explodieren.