„Nein, laß!“ sagte Mette. Sie lief ein paarmal hin und her und brachte Wasser in den hohlen Händen, das sie um die Kerze träufelte, bis sich ein kleiner See bildete.

„Nun kann es kein Feuer geben,“ sagte sie. „Seltsam, wenn ich schon im Zug sitze, brennt vielleicht hier in der leeren Wohnung noch das Licht. Ich muß immer an die arme Johanna denken, schon den ganzen Abend, als das Licht so im Fenster brannte.“

„Wer ist das?“ fragte ich.

„Die arme Johanna? Das war eine Frau, die Olga liebte. Sie ist an der Schwindsucht gestorben. Und Olga konnte nicht um sie sein, als sie im Sterben lag. Aber die Schwester, die sie pflegte, stellte nachts immer eine brennende Kerze ans Fenster. Das hatte die arme Johanna alles selber so verabredet und bestimmt. Solange sie lebte, solange sollte die Kerze brennen. Und da ist Olga manchmal drei-, viermal in der Nacht, wenn sie es vor Unruhe nicht mehr aushalten konnte, nach dem Haus gelaufen und hat auf der Straße gestanden, um nur die Kerze brennen zu sehen.“ – „Schau,“ Mette wandte sich um, während wir in den Wagen stiegen, „da oben brennt meine Kerze und leuchtet mir nach!“

Sie winkte mit den Handschuhen einen Gruß zurück.

„Und da, schau,“ sie richtete sich auf, mit einem seltsamen Entzücken im Gesicht und wies nach dem Sternenhimmel, „da ist der Antares! Das Herz des Skorpions. Dem zieh’ ich jetzt nach, immer weiter nach Süden. Wir können zusammen bleiben, oder ich kann auf ihn warten, bis er wieder kommt, mit der unbedingtesten Zuverlässigkeit, wie der treueste Freund.“

„Trotzdem,“ sagte Peterchen, „ich habe das Gefühl, daß es doch ein bißchen wenig Schutz und Freundschaft für dich ist. Wenn ich denke, daß du in der nächsten Nacht in einer fremden Stadt, in einem fremden Hotelbett schlafen sollst ...“

„Schön!“ sagte Mette. „Das ist ja das, was mir Ruhe geben kann. Ein Raum, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem ist dieser Raum jetzt schon da. Ein anderer Mensch bewohnt ihn und erfüllt ihn ganz mit seinen Leiden und Freuden und Sorgen und Gedanken. Muß man sich denn immer nur mit einem peinlichen Gefühl des Ekels in ein fremdes Bett legen? In einem frisch bezogenen Hotelbett sind keine fremden Mikroben und Bakterien – aber auf den Tapeten liegen noch Schatten und Lichter fremder Schicksale. Und die tönen das eigene zum Schweigen.

Man soll nicht in den Wänden bleiben, wo einen der eigene Schmerz immer von den Tapeten anschreit.

Das fremde Bett wird mir morgen erzählen, was es alles erlebt hat. Weißt du, auch das ist Feengabe. Ich bin nicht mehr bange, weil die Dinge anfangen, mit mir zu reden. Das sind immer die Glückskinder in den Märchen oder die Weisen in den Sagen – König Salomo, vogelsprachekund – denen die Dinge und die Tiere und die Bäume ihre Geheimnisse erzählen. Du glaubst nicht, was das bedeutet. Die ganze Welt war so entsetzlich stumm. Und nun höre ich überall so liebe, vertraute, unhörbare Stimmen. Ihr ahnt gar nicht, mit was für einem Entzücken und einem Stolz das einen erfüllt. Siehst du, Peterchen – das ist auch etwas, was ich von Olga habe.“