Hat sie nicht recht? Warum soll man nicht die Toten lieben und die Kommenden und die ganz Fernen, deren Sein wir nur ahnen oder deren Schaffen uns einen Hauch von ihrer Seele gibt? Und warum nur einen, warum nicht Tausende – die, nach denen wir uns sehnen und die, die sich nach uns sehnen – die, die in unerfüllter Sehnsucht nach uns gestorben sind, und die, die mit unerfüllter Sehnsucht nach uns leben werden, wenn wir lange tot sind. Mir ist manchmal, als sollt ich meine beiden Hände in die Weite strecken und rufen: ich liebe euch, ich liebe euch, ich liebe euch!“
„Es ist merkwürdig,“ sagte Peterchen scheu und sah kopfschüttelnd zu Metten empor, die unheimlich groß und schlank aufgereckt in dem gespenstischen Licht stand, „es ist merkwürdig, wie ähnlich du ihr manchmal bist.“
„Es ist viel merkwürdiger,“ sagte Mette lächelnd, „wie unähnlich ich ihr war. Fern, fremd, unverwandt. So entsetzlich unähnlich, daß ich sie eigentlich nie verstanden habe. Ich glaube, ich hätte sie mit Eifersucht und Mißtrauen zu Tode gequält.“
„Und jetzt?“ fragte Peterchen. „Würdest du nicht eifersüchtig und mißtrauisch sein? Wer weiß, wenn ihr zusammen geblieben wäret, vielleicht hättest du in ein paar Monaten Ursache dazu gehabt.“
Mette schüttelte langsam den Kopf. „Das soll ein Trost für mich sein, Peterchen. Aber es ist keiner. Ich hatte so unbändige Freude an ihr. Und wenn tausendmal nur die Form zerstört ist. Auch um die Form ist es ein Jammer. Die Freude hätt’ ich immer an ihr haben können. Und so wie ich sie jetzt sehe – ich hätte eben einsehen müssen, daß ich nicht aus Geiz Himmel und Erde ihrer Liebe hätte berauben dürfen. Aber belogen hätte Olga Radó mich nie. Nie, nie, nie!“
„Der Zug, Mette!“ mahnte Peterchen.
Mette warf einen Blick auf ihr Handgelenk.
„Ja, wir müssen gehen.“
Peterchen ging, einen Wagen zu holen. Der Kutscher trug das Gepäck hinunter.