Die Wohnung war leer und dunkel. Alle Möbel fort. Die Kronen abgenommen, die Fenster ohne Gardinen. Hie und da starrte ein Spiegelhaken trostlos aus der nackten Wand oder ein Fleck der Tapete zeigte die Form eines Bildes, das lange Jahre da gehangen hatte. Ein großer Koffer, ein wenig Handgepäck standen mitten in dem leeren Raum. Mette hatte eine brennende Kerze auf dem Fensterbrett festgeklebt. Das gab ein seltsames flackerndes Halblicht. Unsere Schatten glitten groß und verbogen an Wand und Decke entlang.
Peterchen sah immerfort nach der Uhr.
„Ist es nicht Zeit, daß ich nach einem Wagen gehe?“ fragte er unruhig.
Mette hob die Hand. „Laß doch! Wir haben noch endlos Zeit. Was sollen wir auf dem Bahnsteig? Und was schadet es, wenn ich den Zug versäume? Ich lauf’ ja niemandem nach. Und mir läuft niemand nach. Dann fahr’ ich eben morgen früh.“
„Ach ja,“ sagte Peterchen erleichtert, „das wäre mir überhaupt viel lieber. Ich verstehe gar nicht, wie man so in die Nacht hineinfahren kann.“
„Ich fahre ja in den Morgen hinein,“ sagte Mette mit leisem Lächeln. „In ein paar Stunden kommt die Dämmerung. Außerdem lieb’ ich die Nacht. Wer die Sterne liebt, muß auch die Nacht lieben. Sag, Peterchen, hast du eigentlich schon einmal daran gedacht, daß sie am Tage auch da sind? Genau so fern und so nah wie des Nachts. Manchmal such’ ich sie am sonnenhellen Himmel – ich fühle ganz genau – da steht der, und da steht der, und dann kann ich in der Dämmerung ganz ungeduldig werden, bis sie endlich sichtbar sind.“
„Das hast du auch von ihr,“ sagte Peterchen wehmütig, „diese verrückte Sternenliebe.“
„Ja,“ sagte Mette, und ihre tiefe Stimme klang wie eine Glocke, „was hab’ ich nicht von ihr? Alles. Und alle Liebe ganz gewiß. Himmel und Erde sind voll von Dingen, an denen ihre Liebe hängt. Und von all diesen Dingen strömt ihre Liebe wieder auf mich zurück. Herrgott, was liebte sie alles! Berge und Meer und Blumen und Spinnen und kleine Kinder und Leder und Seide und Kristall und die Günderode und den heiligen Franziskus von Assisi – und – mich. Wahrhaftig, sie hat mich die Liebe gelehrt. O Gott! Wenn Tante Emilie das hörte, würde sie es sicherlich falsch auffassen.
Einmal hat sie zu mir gesagt, Olga, ich glaube, es war auf der Reise, und wir sprachen wohl von unserer Zukunft, und ich sagte, daß ich mich nicht von ihr trennen lassen wollte, bis zu meiner Mündigkeit. Da wurde sie ganz ungeduldig und sagte:
‚Herrgott, was ist das für ein jämmerlicher Standpunkt, immer nur das lieben zu können, was man an der Hand hält!‘