Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre Zigaretten kaufte – – –

Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.

Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.

Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause, von Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde ...

Und dann sagte Olga plötzlich:

„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit meinen sogenannten Cousinen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“

„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem beständigen Verkehr?“

„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“

„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken. „Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“