Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit Tante Emilie aufzunehmen.

Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben – um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.

Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des Hauses.

Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was „Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen, hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine Schule schickte.

Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.

Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der „ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand, dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.

Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.

Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.

Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger gut.