Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.

Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.

Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war. Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – an einem unangenehmen genug.

Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen Händen das Haar aus der Stirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und „Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.

Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie, und wenn es um ihr Leben ging, nicht.

Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie: „Ja.“

Und das Fräulein kam.

Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich schweigend.

In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen Liebe.

Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück anfängt.