Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.
Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein plötzlich in den Weg warf; den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.
Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden Worten aus.
Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette, jetzt überall lästig und im Wege war.
Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem „Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)
Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht hinein, solange der Besuch da war, und der Besuch dachte nicht daran, wegzugehen.
Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.
Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an, sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.
Das war zuviel für Mette.
Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu trösten.