Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette alle Qualen der Hölle.

Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als sie merkte, daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz hinzugeben und sich trösten zu lassen.

Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.

Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel in die Kissen und schrie:

„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet mich!“

Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst, daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder war.

Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte, ihn zu ermorden.

Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde.

Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.

Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine maßlose Wut auf sie hatte.