„Doch, Fräulein Rudloff. Im übrigen möchte ich nur bemerken, daß das Dienstbotenniveau ist, sich von einem Menschen Du nennen zu lassen, ohne ihm ebenso zu erwidern.“
„Aber Sie sagen zu allen Menschen du,“ sagte Mette verlegen.
„Ja, und ich unterscheide die Leute danach, ob sie sich das gefallen lassen und mich weiter begnädigen, oder ob sie selbstverständlich darauf eingehen. Wenn du denkst, ich mache deinetwegen eine offizielle Angelegenheit daraus mit Anstoßen und Bruderkuß, dann irrst du dich. Wenn du noch ein einziges Mal Sie sagst, muß ich annehmen, daß dir diese Familiarität lästig ist, und dann bleibt mir nichts übrig, als dich gnädiges Fräulein zu nennen oder dir einen harten Gegenstand an den Kopf zu werfen. Es ist nebenbei doch mein Ernst – mit dem Skorpion. Weißt du nicht, daß er der einzige Selbstmörder unter den Tieren ist? Er läßt sich nicht von menschlicher Neugier und Grausamkeit langsam zu Tode quälen. Er kämpft wie ein Wahnsinniger – und wenn er weiß, daß keine Rettung mehr ist, bringt er sich um. Ist das nicht fabelhaft?“
Olga hatte sich aufgerichtet. Ihre Augen sahen groß und dunkel an Metten vorüber. Auf ihrem schönen, blassen Gesicht lag ein seltsamer, schmerzlich-heroischer Ausdruck.
Mette erschrak. „Und du?!“ sagte sie und faßte mit einer unwillkürlichen Bewegung nach Olgas Hand. „Hast du es darum zu deinem Wappentier gemacht?“
Olga lächelte ein weiches, gutes Lächeln.
„Schäfchen,“ sagte sie, „das hat einen ganz anderen Zusammenhang. Ich sollte ein Skorpion sein, weil ich einen giftigen Stachel hätte. Weil ‚mein Witz Skorpionstich‘ wäre. Ein Mensch, der mich liebte, hat das einmal behauptet. Und hat behauptet, wenn ich in die Enge getrieben würde, richtete ich den Giftstachel gegen mich selber und zerfleischte mich. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es macht mir im Grunde keinen Spaß, über mich nachzudenken. Aber dieser Mensch sah mich so. Und darum ließ er mir das Etui machen. Schau“ – sie machte es auf. Die kleinen Rubinen, aus denen der Skorpion geformt war, waren à jour gefaßt. Die Zeichnung war auch auf der Innenseite deutlich. Und direkt darunter war der Namenszug eingraviert: Olga Radó.
Mette schalt sich selber töricht, aber sie konnte es nicht hindern: Ihr Herz war zum Springen voll von einer brennenden Eifersucht gegen diesen fremden Menschen, der Olga Radó liebte und ihr goldene Zigarettenetuis schenkte.
„Eine schöne Handschrift!“ sagte sie gedankenlos.
„Es ist nicht meine,“ sagte Olga. Sie schloß langsam das Etui und legte die glatte Fläche mit einer weichen Geste an die Wange.