„Haben Sie die Karte? Bitte, bitte, zeigen Sie!“
Neben der Adresse stand in einer festen, mühsam zusammengezwängten Schrift:
„Bitte, Peterchen, sei so gut und gib die Bücher aus der Kgl. Bibl. zurück. Eins liegt auf meinem Schreibtisch, zwei stehen auf dem Regal links vom Fenster, 3. Fach v. o. ganz rechts. Und nimm meine Araukarie zu Dir hinüber, bei mir vergessen die Frauenzimmer sie doch, und ich möchte nicht, daß sie verkommt.“
Auf der anderen Seite war in den Himmel der Landschaft hineingeschrieben:
„Klingele, bitte, das Mädelchen an und grüße sie von mir. Die Nummer mußt Du Dir im Buch suchen. Sie soll mir nicht böse sein. Euch allen alles Gute. O. R.“
Hunderte und Tausende von Ansichtskarten waren in Mettens Leben schon durch ihre Hände gegangen, und es war das erstemal, daß ihr der Gedanke kam: „Was ist das eigentlich für eine wunderhübsche Erfindung, daß man gleich ein Bild des Ortes schicken kann, wo man sich aufhält. So sieht es also da aus, wo Olga Radó jetzt ist. Diese Häuser sieht sie Tag für Tag, unter diesen Bäumen geht sie spazieren, diese Berge grüßen sie – jeden Morgen, jeden Abend – wirklich eine wunderhübsche Erfindung.“
Sie hätte die Karte gern behalten. Aber sie hatte den Mut nicht, Petermann darum zu bitten. – – –
„Es ging so schnell“ – sagte sie – „mit dieser Abreise.“ Es widerstrebte ihr, davon zu sprechen, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte. Es widerstrebte ihr auch, direkte Fragen an ihn zu richten. Halb unbewußt sprach sie in Worten, die alles unentschieden ließen, so gleichsam erst sondierend.
„Ja,“ sagte Peterchen, „ganz merkwürdig schnell. Am Dienstag waren wir doch noch da – richtig, da saßen wir ja noch zusammen. Am Dienstagabend kommt Olga zu mir herüber:
‚Gib mir dein Kursbuch!‘ Und immer in dem Kursbuch hin und her geblättert und mich gefragt: ‚Kennst du den Schwarzwald – ist es schön da? – Was meinst du – soll ich an die Nordsee fahren?‘ Und so, wie es gar nicht ihre Art war – so unentschlossen – ich möchte beinah sagen: so ratlos ... und am Mittwoch wurden die Koffer gepackt und Mittwoch abend fuhr sie ab – sagte keinem Menschen wohin – mir nicht und Frau Flesch nicht. Ihnen ja auch nicht, nicht wahr? – Ich hatte ja eigentlich erst den Verdacht – den Gedanken, wollt’ ich sagen, die Idee,“ – Peterchen zögerte, und sein blasses Gesicht überflog eine leichte Röte – „Sie beide wären zusammen weggefahren.“