Mette antwortete nicht. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, ob ihr tiefes Stillschweigen vielleicht einen verwunderlichen Eindruck machen könnte.
Das Wort hatte wie ein erhellender Blitz in sie eingeschlagen, und nun stand sie in Flammen.
Reisen! Mit Olga reisen! Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte etwas unwahrscheinlich Beglückendes. Einige Sekunden durchlebte sie in ihrer Vorstellung das, was hätte sein können. Wenn sie am Dienstag zusammen diesen Entschluß gefaßt hätten! Wenn sie auch am Mittwoch ihren Koffer gepackt hätte! Sie fühlte sich neben Olga im Zug sitzen und hinausfahren in den warmen, blauen Sommerabend, in dem hier und da die ersten Lichter aufflammten. Sie sah sich in einem dieser weißen Häuser, auf der Terrasse, an einem gedeckten, blumengeschmückten Tisch, Olga gegenüber. Sie wanderte mit Olga diesen Bergen entgegen, deren schön geschwungene Linien verlockend auf dem blauen Himmel sich zeichneten.
Jäh und schmerzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Das war ein törichter, unerfüllter, vielleicht ewig unerfüllbarer Traum. Die Wirklichkeit war, daß sie hier war – allein – und daß Olga fort war – auch allein? Mit wem? Nichts in der Welt hatte ihr ein Recht gegeben, auch nur danach zu fragen. – – –
In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot, tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.
Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.
Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr. Sie hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.
Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle in sich auf. Und eines Tages brach es aus.
Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.
Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte, fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und scharf und sagte betont: