„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bis ich vom Tisch aufstehe.“
Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht, daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.
Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen wartet.“
Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.
„Willst du so gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wenn ich sie frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die Wahrheit sagt.“
Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander, schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster Verlegenheit.
„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller erzieherischen Gewalt ...“
„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Was soll ich denn machen? Man kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder einsperren.“
„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“
„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“