Franz Rudloff wurde ganz blaß.

„Mette!“ sagte er mit großen Augen.

„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich Gott nur, daß er mich bald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche, soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen umgebracht.“

Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging sein armes schwächliches Herz.

„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann, dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“

Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.

Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?

„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht, weil er die Luft in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat. Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat, was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch nicht.“

Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –

Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ nichts von sich sehen noch hören.