Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.

Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.

Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war voller Verlegenheit.

Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war zu sehen, wie er sich quälte.

Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch Konversation zu machen, sie versprach ein freundliches Gesicht und einen sanften Ton von morgens bis abends.

„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.

Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.

„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht zwingen – aber wenn du wenigstens den Versuch machtest, sie lieb zu haben.“

„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben lassen.“