„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“
„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie möglich sein. Aber sie hat recht. Darin hat sie recht. Sie ist faszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen. Für immer! Für ewig! Was soll ich nur tun? Was kann ich nur tun?“ – – –
Mette grübelte Tage und Nächte nach einem Ausweg. Sie fühlte, daß sie es nicht aushalten würde, sich an ihren Stolz zu klammern und zu sagen: Sie mag mich nicht, also existiert sie nicht mehr für mich. Sie sagte es sich, gewiß, nicht einmal, hundertmal. Aber ein viel stärkeres Gefühl sagte ihr: es sind Mißverständnisse, die uns trennen, es sind Hindernisse, die sich mit einem offenen Wort beseitigen lassen. Ich muß sie sprechen, ich muß sie fragen. Sie hat Mut genug und Härte genug, um mir die Wahrheit zu sagen. Ich will es ihr leicht machen. Ich will sie so fragen, daß sie es mir sagen kann, daß sie es mir sagen muß. Und wenn sie sagt: geh und komm nie wieder, dann will ich gehen und nie wiederkommen, dann will ich versuchen, mein Leben irgendwie ohne sie einzurichten, dann will ich stolz sein, aber dann erst! Erst dann!
Mette kaufte eine Handvoll weißer Rosen von eigentümlich steifer und schwermütiger Schönheit und ging hinauf zu Olga.
Das Mädchen, das ihr aufmachte, empfing sie mit strahlender Freude.
„Gnädiges Fräulein sind ja so lange nicht hier gewesen! Fräulein Radó ist hinten in ihrem Zimmer. Fräulein weiß ja Bescheid!“
Es erschien Metten unmöglich, sich durch das Mädchen melden zu lassen. Wenn Olga sich etwa verleugnen ließe, so konnte das eine unendlich peinvolle Situation herbeiführen. Wenn Olga nicht in der Laune war, sie zu sehen, so war es schon am besten, sich das ins Gesicht sagen zu lassen und nicht durch Vermittlung des Mädchens zu erfahren.
Sie schritt sehr rasch und fest den endlosen Türgang hinunter. Aber das Herz klopfte ihr doch ein wenig schneller dabei.
Sie pochte kurz an die Tür und drückte die Klinke nieder.
Olga saß am Schreibtisch, wie sie immer zu sitzen pflegte: die eine Hand auf dem aufgeschlagenen Buch, die Schläfe gegen den Ballen der anderen gestützt, zwischen deren Fingern sie die Zigarette hielt.