„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘ Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“
„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“
„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:
Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapel tobte weiter. Von Madrid aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von Massa und riefen nach ihm.
Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt, hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die Führerschaft der Massen zu übernehmen.
Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.
Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa, den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sie liebte alles und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie glücklich war.
Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem, keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte unter die aufjauchzenden Massen und sagte:
‚Folget mir nach!‘
Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen. Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur selbstverständlich ist.