„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.

„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch nicht!“

„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu werden – ich weiß nicht – ich habe weder den Mut noch das Verlangen, da hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –

„Weißt du?“ sagte Olga das nächstemal, „ich hab’ eine Idee! Meinst du nicht, Mette, ich könnte Sprachunterricht geben? Jeden Tag fünf Stunden à 2 Mark sind 10 Mark, davon müßte man doch eigentlich leben können, wenn man sich sehr einrichtet.“

„Eine reizende Idee!“ sagte Mette entrüstet. „Erstens sehe ich dich von zehn Mark täglich leben, und zweitens hab’ ich dann überhaupt gar nichts mehr von dir!“

„Darüber kannst du dich allerdings beklagen!“ sagte Olga lachend, „du bist ja auch nur jeden Tag, den Gott werden läßt, von morgens bis mittags und von nachmittags bis abends mit mir zusammen.“

„Wenn es dir zuviel ist,“ – Mette war ernstlich etwas gekränkt – „dann brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Hab’ keine Angst,“ sagte Olga beruhigend, „ich kann mich wehren. Wenn ich einen Menschen los sein will, werd’ ich deutlich!“

„Gott sei Dank! Wenn ich mich darauf verlassen kann. Aber jetzt habe ich wirklich eine Idee: wir werden das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Du kannst mir die fünf Stunden täglich Unterricht in fremden Sprachen erteilen, und ich werde mir von meinem Vater das Geld dafür geben lassen – auf seinen eigensten Wunsch.“ – – –

Es ging nicht ganz so glatt, wie Mette es sich gedacht hatte. Tante Emilie suchte die Sprachlehrer selber aus – ein paar sehr würdevolle ältere Damen – ein vierundsechzigjähriger Professor schien ihr schon bedenklich, weil er unverheiratet war, und sie ging selber mit Metten hin und meldete ihre Nichte an.