Dadurch hatte Mette nachher die peinliche Aufgabe, den Unterricht wieder abzusagen.

Wenigstens hatte sie es erreicht, daß der Vater ihr das Stundengeld übergab und nicht – wie er wollte – es per Postscheck zahlte oder durch die Bank überweisen ließ.

Olga nahm es sehr genau mit den Stunden. Sie hielt sie mit gewissenhaftester Pünktlichkeit ein und gab sich streng und pedantisch als Lehrerin. Mette lernte mit Feuereifer, um ihre Ansprüche zu erfüllen.

Soweit ging alles wie geplant, nur daß Olga nicht daran dachte, sich einzurichten und von dem Stundengeld zu leben.

Es kamen so wundervolle, durchsonnte Oktobertage. Und es machte so unbändiges Vergnügen, im offenen Auto durch den flammenden Wald zu jagen, nach Wannsee oder die Heerstraße hinunter, irgendwo an die breite blaue Havel.

Natürlich sahen sie ein, daß sie sich das eigentlich nicht leisten durften, das heißt, Olga sah es ein, und wenn sie wieder Waldsehnsucht hatten, fuhren sie mit dem Vorortzug dritter Klasse, um zu sparen, und ließen sich in der denkbar schlechtesten Luft geduldig schieben und drücken.

Aber am anderen Tag hatten sie einen unbezwinglichen Hunger nach Musik, und in der Oper gab es „Tristan“ und natürlich nur noch die teuersten Plätze. Auf solche Weise ließen sich nicht gut Ersparnisse machen. – – –

Sie fuhren am frühen Nachmittag nach Wannsee. Weil es ja eigentlich „Stunde“ sein sollte, sprachen sie in der Bahn Italienisch miteinander, im gedämpften Ton. – Es war vielleicht deswegen, daß der Herr in dem braunen Überzieher ihnen gegenüber immer über den Rand seiner Zeitung schielte und sich augenscheinlich bemühte, ein Wort von ihrer Unterhaltung aufzufangen.

Metten machte das Spaß. Sie empfand einen geradezu kindischen Stolz, wenn sie bemerkte – was oft geschah – daß Olga beobachtet wurde. Sie nahm es keinem Menschen übel, wenn er ihre schöne Freundin in der ungezogensten Weise anstarrte. Sie hätte manchmal direkt sagen mögen: „Ja, seht sie euch nur an! Ist sie nicht schön? Und das darf ich alle Tage sehen, alle Tage!“

Und dann betrachtete sie sie wieder, als sähe sie sie zum erstenmal, und die reinen edlen Linien ihres Profils, die lässig-anmutigen Bewegungen ihrer königlichen und doch geschmeidigen Gestalt, der bezaubernde Klang ihrer tiefen Stimme – alles erfüllte sie immer wieder mit einem Entzücken, das an Andacht und Rührung grenzte. – – –