»Wie weh manches tat, das vergessen wir, und der Segen, den es gebracht, bleibt uns erhalten, mein Liebling. Das wirst du auch noch erfahren. – Hätte man mir damals gesagt: dreißig Jahre lang deiner gesunden Glieder beraubt, dein Glück – was ich damals Glück nannte – dir entrissen, als Krüppel hier in der Einsamkeit leben! – Ich hätte gedacht: Tausendmal lieber tot! – Ja, ich weiß wirklich nicht, wie ich es überlebt hätte.

Nun kam alles nach und nach. Und mit dem, was er auflegte, schickte Gott auch zugleich seine Hilfe: vor allem brach er meinen wilden, störrischen Sinn.

Und wenn ich heute zurücksehe, muß ich die Hände falten und sprechen: Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast.

Wie wir, unser ältester Bruder, dein Vater und ich, hier glückliche Kindertage verlebten, unsere Freiheit, unsere Hunde und Ponys liebten, unsere Mademoiselle oft quälten – davon habe ich dir genug erzählt. Auch davon, daß meine süße Mutter leider oft traurig über mich war. Sie hatte sich so sehnlichst ein Mädchen gewünscht, und nun? ›Nun hast du den Türken!‹ sagte Vater oft lachend. Denn bei allem Klettern und Herumtollen war ich immer den Jungen voran, und mit den seßhaften Tugenden, dem damals so wichtigen Strickzeug und jeglicher Sittsamkeit, lebte ich auf ausgesprochenem Kriegsfuß. Saurer hatten wir Mädels es auch damals, als ihr heute. All das Turnen, Schwimmen, Freiherumlaufen, was euch erlaubt ist, war ganz unbekannt. Schon unsere langen, schweren Kleider hätten daran gehindert. Mutter tröstete sich manchmal, wenn ich konfirmiert sei, würde es besser werden – aber leider täuschte sie sich auch darin. Sechzehn Jahre war ich, und das ernste Hantieren am Spinnrad und in der Obstkammer war mir ein Greuel. Dagegen prickelte es mir in allen Gliedern, wenn ich die Jungen so schnell dahinfahren sah auf ihren Schlittschuhen und hören mußte: das sei für Mädchen etwas Unerhörtes. Heimlich schnallte ich mir die verbotenen Dinger in der Dämmerung an und übte auf dem Rehteich, wo mich niemand sah.

Hätte ich eine Schwester oder eine nahe Freundin gehabt, so wäre mein Leben auch wohl anders gewesen. – So wünschte ich immer das zu tun, was ich nicht sollte, und entzog mich meinen ›langweiligen‹ Obliegenheiten, wo ich konnte.

Herrlich war’s, wenn in Buchdorf die glänzenden Feste gegeben wurden. Rantzaus Schwester war damals verlobt. Er stand bei den Ulanen und seine Freunde gingen aus und ein in dem gastfreien Hause. Was war’s oft ein Leben und eine Lust!

Da tauchte unter ihnen einer auf, der alle die anderen weit in den Schatten stellte. Wer ihn auf seinem Goldfuchs dahinfliegen sah, dem lachte das Herz im Leibe. Und ob’s über Hecken und Gräben ging, man zitterte nicht für ihn – er saß ja wie angewachsen auf dem Renner.

Und wie er tanzte! Die Musik trug ihn, so leicht und so sicher. Und so leicht und sicher verkehrte er auch mit jedem. Alle waren ihm gut. Mit den Alten war er ehrerbietig und lieb – mit den Jungen scherzte er und lachte sie an. Wonach er griff, das gehörte ihm, er fragte gar nicht erst.

Wenn er den ganzen Abend nur mit einer einzigen sprach und tanzte, so störte ihn darin niemand. Und wenn man selbst diejenige war, so hätte mehr als meine siebzehnjährige Festigkeit dazu gehört, nicht am Ende unter seinem Bann zu stehen.

›Morgen laufen wir Schlittschuh,‹ sagte er, ›ich komme über den See bis an den Erlenbach und hole Sie ab.‹