›Morgen ist’s vorbei,‹ sagte er und hielt meine Hand fester. ›Da müssen wir’s heute genießen!‹
Sah er wohl, wie jede Muschel im Grunde durch die glasklare Eisdecke schien? Wie die zarten Algen sich emporreckten, als wollten ihre Spitzen ans Licht?
›Wenn wir fallen, sind wir verloren!‹
›Ja, wenn! Wer fällt auch? Wir jedenfalls nicht! Heute müssen wir’s wahrnehmen, morgen ist’s vorbei!‹ Er drückte mich fest an sich.
Hörte er wohl das Sausen im Schilf, wie die Binsen sich im Tauwind bogen? Was für ein Gurgeln war das? Wildenten gab’s doch hier nicht! Man kannte ja jeden Fußbreit!
Da kam das Gräßliche: Krachen, Flügelschlagen von aufgescheuchten Wasservögeln, Angstrufe, verzweifelte Anstrengung, Todeskälte durch Mark und Bein. – Dann war’s vorbei.
Als ich erwachte, dauerte es sehr lange, bis ich meine Lage begriff. Ich fühlte mich, wie noch nie bisher; meine Glieder waren wie tot. Ich konnte mich nicht bewegen, lag da wie ein geschossenes Wild. Ganz allmählich wurde mir alles klar, und mit so furchtbarer Deutlichkeit, daß ich noch heute nicht hinsehen mag auf das arme Bild. Gott kannte ich nicht, Liebe nicht, die erwärmt und beglückt, sondern nur die, die haben, besitzen will! – Glühendes, zuckendes Leben in einer erstorbenen Hülle.
Ob ich viel Schmerzen litt, kann ich nicht sagen, aber der Brand in meiner Seele ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Ich haderte mit meinem Schicksal, mit Gott. – Daß niemand für meine Herstellung hoffte, fühlte ich schon damals deutlich. Warum dann nicht gleich ein schnelles Ende? Wozu dieses Hinquälen? –
Stelle dir vor, Kind, Gott hätte damals nach meinem Willen getan – so völlig unreif, wie ich war?«
Hanni war erschüttert. »Arme, arme Tante Ida, was hast du gelitten! O, hätte ich das geahnt, wieviel mehr hätte ich dich lieb gehabt, du liebes Herz! Wie wurde es dann weiter?«