»Wie ein eigensinniges Kind, das ich immer gewesen, sich müde weint und schreit, bis es nicht mehr kann, so war’s mit mir den ganzen Winter. Ich wollte mich nicht in mein Schicksal finden und ließ mich durch gar nichts trösten. Als die Vögel anfingen zu zwitschern, war meine Kraft erschöpft, ich konnte nicht mehr. Matt und müde kehrte ich das Gesicht gegen die Wand und war lange Zeit völlig apathisch.
Ob nun der innere Stillstand – denn Ruhe kann ich den Zustand nicht nennen – günstig auf den Körper wirkte oder ob’s der Frühling tat – ich lernte wieder schlafen. Und eines Morgens erwachte ich zum ersten Male ganz neu gestärkt. Ich weiß es noch. Lange mochte ich mich nicht regen; der Traum hatte mich soweit weggeführt, daß die schrecklichen Ereignisse mir verwischt waren. In behaglicher Ruhe lag ich da, sah den Sonnenschein durch die duftenden Akazienzweige flimmern, hörte das Summen der Bienen und das süße Gezwitscher der Vögel.
Was für entzückende Blumen standen dort in der Schale? Die herrlichen Marschall-Niel aus dem Gewächshaus zwischen Maiblumen und Vergißmeinnicht. Die durfte doch niemand pflücken als Mutter selbst, und nur sie machte solche Sträuße – aber selten und nur für Auserwählte. Und diese Schale, wenn sie einmal aus dem Silberschrank genommen wurde, kam nur auf die Tafel für ganz erlesene Gäste – doch nicht in mein Stübchen! – Ich rieb mir die Augen. Wer hatte wohl alles um mich her mit so viel Liebe und Zartsinn geordnet? Nichts fehlte, was den Sinn erfreuen konnte. – War das all die Zeit so gewesen? Keinen einzigen Blick hatte ich dafür gehabt. Nichts, nichts hatte ich gesehen als meinen Jammer! Was die Eltern dabei fühlten, war mir nie in den Sinn gekommen.
Ja, die Eltern! Ist ein solches Maß von Egoismus zu begreifen? Kein Gedanke war mir gekommen, was für Hoffnungen sie auf mich gesetzt hatten, die ich alle durch meinen Ungehorsam zerstört; daß ich ihnen ein Übermaß von Sorgen, Angst und Mühe bereitet. – Ich war wie in dunkler Nacht dahingetappt. Auf einmal schien die helle Sonne und zeigte mir ausgebreitet die reichste Fülle von Liebe, Sorgfalt und Geduld, der ich bisher den Rücken gekehrt hatte. Konnten sie mir das je vergeben?
Als die süße Mutter hereinkam, mir selbst mein Frühstück zu bringen, wie sie es, ohne einen Dank zu bekommen, täglich getan, da habe ich ihr unter strömenden Tränen mein Herz ausgeschüttet.
Nun begann ein neues Leben. – Kein Wort des Vorwurfs traf mich aus Vaters Munde. Und die Größe dieser vergebenden Liebe wirkte stärker und durchdringender, als alle Worte gekonnt hätten. Das habe nicht ich allein erlebt. Und wer es erfahren, der konnte nicht leicht zum zweiten Male fehlen; das Gefühl der Verschuldung und Vergebung war zu tief gedrungen.
Lange Jahre kamen und gingen. Was Ärzte vermögen, haben sie an mir getan. Viele Hoffnungen, viele Enttäuschungen erlebten wir. Aber wir trugen es gemeinsam; einer versuchte dem anderen ein mutiges Gesicht zu zeigen und den Kummer zu verbergen. – Allerlei Besserung stellte sich ja auch ein. Als ich dreißig Jahre alt war – nachdem ich dreizehn Jahre stillgelegen hatte, Hanni –, konnte ich die ersten Gehversuche an Krücken machen. War das ein Glücksgefühl! Wie schmerzlich bedauerten Vater und ich, daß Mutter dies nicht mehr erlebte. Ach, wir waren bescheiden geworden.
Der Tag, an dem auch die Krücken entbehrlich wurden, ist mir unvergeßlich.
Aber viel tiefer als diese äußeren Freuden war das, was ich innerlich erlebte. Alles, was mein Leben ausgemacht, beglückt hatte: freie Bewegung jeder Art, Spiel und Tanz und Frohsinn mit Altersgenossen, alles war mir genommen. Ich hatte mich gänzlich verarmt gefühlt. Und dann wurde mir leise und unvermerkt, ohne daß ich recht wußte, wie, ein ganzes reiches Leben neu geschenkt; o, so viel, viel mehr als das, was ich verloren. Erst das innige Zusammenleben mit den Eltern, was mir so viel Tiefen entfaltete, von denen ich in meiner Dummheit keine Ahnung gehabt. Dann die lieben, treuen Freunde, die nicht müde wurden, mir zarteste Aufmerksamkeit zu beweisen.
Die Lieblichkeit der Natur ging mir jetzt erst auf. Ich war viel zu rasch und zu stürmisch gewesen, diese tausend Herrlichkeiten zu gewahren. Denk allein an den Wechsel von Licht und Schatten an einem einzigen sonnigen Sommertag, oder im Frühling an das Durcheinander von Düften von Flieder, Goldlack und Glycinien und dazwischen das verwirrende Gesumme der tausend im Sonnenschein goldig blitzenden Insekten! – Alles das ging mir nun auf.