Und als soviel Erquickendes meinen Sinn wieder gesund gemacht und belebt hatte, da merkte ich auch, daß ich nicht nur hinnehmen, sondern auch noch geben konnte. Vielleicht mit dem instinktiven Gefühl, daß ich wisse, was Schmerz und Leid sei, kam alles zu mir, was Trost suchte – ob’s nun Freunde waren oder unsere guten Dorfleute – oder die Brüder in ihren vielfachen Nöten. Ach, Kind, was haben dein Vater und ich gemeinsam durchgemacht in dunklen Zeiten voller Enttäuschungen, als er dachte, deiner Mutter Herz nicht zu gewinnen, die er doch schon so innig liebte! Und die gemeinsame Seligkeit nachher, als alle Mißverständnisse sich glätteten.«

»Tante Ida, aber das eine mußt du mir noch sagen: Was ist denn aus ihm geworden, dem Fred? Sahst du ihn niemals wieder?«

»Nein, Kind. Er ist einmal gekommen, nach mir zu fragen, als ich noch bewußtlos im Fieber lag. Da hat wohl Vater ein ernstes Wort mit ihm gesprochen, was es heißt, ein Kind dahin zu bringen, seine Eltern zu hintergehen. Später las ich seinen Namen hier und da. Er hat eine vornehme Gräfin geheiratet, die etwas älter war als er, und beide spielten eine große Rolle am Hofe.«

»Aber Tante Ida, konntest du es denn aushalten, ihn nicht mehr zu sehen, wo du ihn so lieb hattest?«

»Kind, das war merkwürdig. – Sieh, meine Augen hatten seine schöne Erscheinung geliebt und meine Ohren den berückenden Klang seiner Stimme. Meine Seele hatte mit dem Ganzen nichts zu tun, die kannte ihn gar nicht. Und daher verflog die Erinnerung, wie eine süße Melodie, die verklungen ist.«

»Tante Ida,« flüsterte Hanni leise, während sie ihre Wange wieder an die Hand der Alten legte, »Hermann liebt meine Seele, den kann ich nie vergessen. Aber jetzt weiß ich erst, woher ich von vornherein diese ganz deutliche Unterscheidung gehabt habe und woher es mir so felsenfest steht, daß auch die innersten Gedanken auf denselben Ton gestimmt sein müssen, wenn’s recht sein soll. Das habe ich von dir, allein hätte ich’s nicht gewußt. Aus allem, was du mir je gesagt, ist es mir zur Überzeugung geworden.«

Die Matrone war nicht weichmütig; Hanni erinnerte sich nie, sie weinen gesehen zu haben. Jetzt stürzten ihr die Tränen unaufhaltsam aus den noch immer schönen Augen. »Hanni,« sagte sie, »wenn mein armes Leben dazu dienen soll, dir auf den rechten Weg zu helfen, dir, mein Liebling, zu zeigen, wie tief die Gemeinschaft zweier Menschen sein muß, damit sie ganz einander angehören können, dann soll mir kein Schmerz zu brennend und keine Nacht zu lang und zu dunkel gewesen sein.

Wie wunderbar und reich ist Gottes Liebe! Was ein Herz an Glück und Sonnenschein fassen kann, wird mir nun im Alter noch zuteil. Denn das kannst du glauben: Was dich bewegt, fühle ich genau, als geschähe es mir selber.

Und nun sei du auch zuversichtlich und getrost. Gott bringt deine Sache zurecht – er hat schon Größeres gekonnt. Höre nur nicht auf, ihn zu bitten und ihm zu vertrauen, dann kann euch beiden diese Prüfungszeit zum größten Segen werden.«