25. Kapitel.
Wie Käte doch recht behielt.
Die Flammen im Kamin waren heruntergebrannt. Mit leisem Knistern fielen die Scheite zusammen, während die Funken wie Irrlichter an den Kanten entlang glitten und hüpften. Da wurden die beiden, die sich von dem immer wechselnden Anblick nicht losreißen konnten, durch ein Klopfen an die Tür in die Gegenwart zurückgerufen.
»Ach, Mamsell, auch noch auf zu so später Stunde?«
»Ja, ich habe meine Wochenrechnung gemacht, und da kam der Milchfahrer mit Postsachen. Ich dachte, Fräulein Hanni würde sich vielleicht freuen: hier ist ein Brief für sie. – Und wie geht es denn dem gnädigen Fräulein? Wir sind alle so glücklich, daß es jetzt besser wird. Jeden Tag fragen die Frauen im Kuhstall, ob wohl eine oder die andere raufkommen dürfe, guten Tag zu sagen?«
»Gern, Mamsell, ich freue mich, sie zu sehen. Lassen Sie die Schröder morgen doch kommen! Ich möchte mal Genaueres von ihrer Marie hören. Was für ein Glück, daß sie sich jetzt besser macht.«
»Tante, Tante,« rief Hanni dazwischen, mit einem Ungestüm, das an ihr fast vergessen war. »Bitte, Tante, setze dich fest hin und höre, was Käte schreibt!«
»Na, ich hoffe, ich sitze fest. – Gute Nacht, Mamsell, schönen Dank. – Wo brennt es denn?«
»Bitte, höre zu. Erst hier: noch von der Reise – von den Jungen und ihrer Mutter – hier kommt’s: Ich erzählte Dir schon, wie nett neuerdings die Sonntagabende bei Admiral Kählers sind. Von den älteren Herrschaften, die früher den Hauptstamm bildeten, sind manche weg. Dafür kommt allerhand heimatloses Gemüse, was in Berlin fremd ist, und selig ist, einen Abend in der Familie zuzubringen. Kählers sind rührend darin: Die Kinder dürfen alle ihre Freunde mitbringen, und die unter Umständen wieder ihre Kameraden oder Leidensgefährten – und trotzdem paßt alles zueinander; dazu ist der Respekt vor dem strammen Geist des Hauses viel zu groß. Ganz regelmäßig ist Ilse von Herder dort. Zu eigentümlich, wie sie sich in ihr Schicksal gefunden hat. Daß nach ihres Vaters Tode nichts als Not übrig blieb für sie und die grenzenlos anspruchsvolle Mutter, weißt Du ja. Jetzt haben Verwandte sich erbarmt, die arme Frau zu sich aufs Gut zu nehmen, und dort stöhnt sie nun über Einsamkeit und primitive Zustände und am meisten über ihre unsinnige Tochter, die, statt sich auch hinzusetzen mit den Händen im Schoß, sich sofort auf eigene Füße gestellt hat. Wie doppelt schwer für sie, die keinerlei Vorbildung hatte! Aber Kählers haben die Sache für sie in die Hand genommen, und jetzt zeigt sich, was in ihr steckt. Sie ist in einem wohlhabenden, netten Hause, wo die junge Frau immer kränkelt und entsetzliche Nöte mit den Dienstboten hatte. Ilse ist jetzt die Seele des Ganzen; die drei Gören schlafen bei ihr, und sie versorgt sie und pflegt die junge Frau, sieht nach der Küche und ist so befriedigt und froh wie noch nie bisher! –
In der Hoffnung, sie zu treffen, ging ich den ersten Sonntag nach der Reise zu Kählers. Aber es kam anders: Als ich ins Wohnzimmer trete, denke ich, mich rührt der Schlag! Ich glaubte erst, meine Augen sähen nicht recht! Aber dann die Stimme – die konnte nicht trügen! Wer meinst Du, springt vom Klavier, auf dem er gespielt, in die Höhe und streckt mir, strahlend vor Vergnügen, beide Hände entgegen? – Kein anderer, als der Burger-Hannes aus dem Bauernhaus – nun aber in Gardeuniform statt der Lodenjacke, und nicht mehr Hannes, sondern Leutnant Hans von Burgh.