Mein Gesicht muß unerlaubt dumm gewesen sein, denn alle, die es sahen, konnten gar nicht wieder mit Lachen aufhören.
Schnell, damit nicht erst Freunde dazu kämen, die es falsch auffassen möchten, beichtete Herr von Burgh, wie er schon zum drittenmal seine Urlaubszeit dort oben in den Bergen verlebt hätte. Immer so tatenlos herumzusteigen, hasse er. Da es aber ihm, als Jüngsten, nicht vergönnt sei, auf eigenem Grund und Boden Vieh und Heu zu versorgen, wie seine pommerschen Brüder, so hielt er sich dort, wo ihn niemand kannte, dadurch schadlos, daß er sich beim Bauern für die Heuzeit verdingte. Daß es ihm nun auch beschieden wäre, ein paarmal Fremdenführer zu spielen, sei ein Glückszufall gewesen, den er sich vorher gar nicht hätte träumen lassen. – Seelenvergnügt sah er dabei zu mir herüber. ›Nicht wahr, die Schneefernen da oben vergißt man nicht wieder – und den Abstieg im Nebel auch nicht! Zu fein war’s!‹
Du kennst mich doch sonst nicht als blöde, Hanni, – aber ich verlor alle Fassung. Weißt Du, es ist ein zu unheimliches Gefühl, wenn jemand, zu dem ich viel gesprochen, dann plötzlich ein ganz anderer ist als ich gemeint. Wieviel argloser zeigt man sich gegen den Burger-Hannes, den man doch nie wieder sieht, als gegen – –
Na, es war eine verhexte Geschichte, und ich war froh, als neue Gäste hereingeführt wurden und all die schützenden und verhüllenden Vorhänge der Konvenienz wieder niederrollten und wohltuenden Schatten verbreiteten.
Im Laufe des Abends aber kam Herr von Burgh immer wieder auf die Geschichten zurück, so daß ich gar nicht entweichen konnte. Zum Unglück saß ich auch bei Tisch neben ihm, und das Schlimmste war, daß alles, was er erzählte, für mich ganz anders klang als für nichtsahnende Hörer, ich also immer sein heimlicher Mitwisser war, mochte ich wollen oder nicht. Die ganze Geschichte machte mich verwirrt und eigentlich böse, und als er’s endlich so einzurichten wußte, daß wir die Bahn verfehlten und mir nichts übrig blieb als sein Geleit anzunehmen für den weiten Heimweg, da war mir gänzlich die Lust am Plaudern vergangen. Eine ganze Weile gingen wir stumm nebeneinander her. Dann fragte er, und ich mußte ihn ansehen, so ganz anders klang seine Stimme als vorhin beim Scherzen und Lachen: ›Warum muß nun hier alles so fremd sein? Ist denn ein Bauernjunge soviel besser und vertrauenswerter als ein armer Gardeleutnant?‹
›Nein,‹ antwortete ich, ›aber Sie sind nicht wahr gewesen gegen mich!‹
Er blieb stehen, und bei der flackernden Laterne schien sein Gesicht ganz weiß: ›Unwahr hat mich noch kein Mensch genannt,‹ sagte er sehr ernst, ›und nun gerade Sie? Was meinen Sie damit?‹
Ich war ganz empört. ›Wissen Sie denn gar nichts mehr?‹ rief ich. ›Ich sehe ja noch alles haarklein vor mir: die enge Straße von München, wo Ihre alte Mutter in dem ärmlichen, aber blitzblanken Stübchen wartet, wenn Sie müde von der Arbeit heimkommen; Ihre blasse, liebliche Schwester, die bis in die Nacht hinein arbeitet, um dem einzigen Bruder vorwärts zu helfen! – So was ist unrecht!‹
Ich wollte ihn sehr streng ansehen, aber sein Gesicht lachte wieder so glücklich wie den ganzen Abend. ›Ach, das war bei dem wunderbaren Heimweg von der Zugspitze! Wie lieb, daß Sie das alles noch wissen!
Unwahr ist aber kein Wort von dem, was ich sprach. Daß die große Stadt München heiße, habe ich nicht gesagt, sondern es schien Ihnen wohl nur das Wahrscheinlichste. – Aber daß mein Mütterchen ihr bescheidenes Witwenstübchen traulich hält, wenn ich – wahrhaftig oft von saurer Arbeit, verbrannt und bestaubt – heimkehre, das ist gewiß! Dabei bleibt zu untersuchen, ob eine arme Offizierswitwe es in ihrer Art nicht oft saurer hat als eine Arbeiterfrau. Und nun meine Lore? Ja, wahrhaftig hat sie ein süßes, blasses Gesichtchen und tut ein saures Stück Arbeit, wenn sie den ganzen Vormittag mit den unnützen Krabben in ihrer Zeichenklasse zubringt und oft bis in den Abend ihre schönen Entwürfe macht für die Kunstgewerbeschule. Aber wie stolz ist sie dann auch über ihren Verdienst, und was für herrliche Zukunftspläne machen wir miteinander!‹