Aber sie wünschte nichts mehr. Ihr war’s, als schwämme sie in einem Meer von Glück und Wonne – selig, wunschlos.
Die Fenster standen weit offen. Draußen fiel mit leisem Rauschen der Springbrunnen in das überfließende Becken; – die Nachtigall schluchzte im Traum; – fern im Sumpf hörte man den Unkenruf. Es war zu schön! – So schnell ging es nebenan nicht. Nach dem langen, unruhigen Tag war dies die erste stille Stunde. – Ja, es war ein wunderbares Glücksgefühl, mit vollen Händen zu geben. Es war noch schöner als das Nehmen, hier in denselben Räumen. Wie froh erwartend hatte auch ihr Herz gepocht, als liebende Fürsorge für sie den Eintritt ins Leben geschmückt hatte! Wie – wie anders war dann alles gekommen, als sie sich’s erträumt! Gut, daß man’s nicht noch einmal durchleben mußte! Mancher Weg war gar zu steinig gewesen – mancher Tag wollte kein Ende nehmen! Nun war das Herz still geworden und hatte in allem Gottes Wege gesehen. Und nun schien auch das Wort sich erfüllen zu sollen: »Um den Abend soll es licht werden!«
5. Kapitel.
Neue Freunde überall.
Früh am anderen Morgen tanzten und zitterten die Sonnenstrahlen durch die weißen Vorhänge auf Hannis Bett und huschten neckend über ihre heißgeschlafenen Wangen. Sie rieb sich voller Erstaunen die Augen und konnte sich erst gar nicht besinnen. Was waren denn das für fremde Töne? Gackern, Krähen, Zwitschern und Flöten – Pferdegetrappel – leises Rauschen in der hohen Tanne dicht am Fenster. – In Berlin hatte man durch die gegen den Straßenlärm dicht verschlossenen Läden nichts vernommen, höchstens war vom Hof her das eintönige Klopfen der vielen Teppiche an ihr Ohr gedrungen. – Plötzlich wurde ihre Erinnerung wach, und schon war sie mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. Im Hause schien noch alles still. Wie spät mochte es sein? Da ließ sich ein leiser Kuckucksruf vernehmen! Fünfmal – dann ein kleines Schnarren! Ach, es war eine Uhr – kein lebendiger Vogel!
Schnell war sie im Wohnzimmer. – Richtig, da hing eine zierlich geschnitzte Schwarzwälder Uhr. Die gute, rührende Tante – an alles hatte sie gedacht. – Das Stübchen sah so reizend aus! Und alles, wie sie es gern hatte und brauchte.
Was für ein Herz voll Liebe mußte die haben, die so für andere denken und sorgen konnte!
Ob sie wohl schon wachte? Der Zeiger stand auf fünf. Hanni wollte mal leise zusehen.
Vorsichtig schlich sie mit nackten Füßen durch das kleine Vorzimmer hinein in die Schlafstube der Tante. Richtig, die rieb eben auch die Augen!