»Ja, Vater sagte, gerade für mich freute es ihn. – Aber außerdem ist auch gar nichts daran zu ändern. Tante Ida mag schon längst nicht mehr wirtschaften und bat Vater oft, das Gut zu übernehmen. Bisher konnte er sich nicht entschließen, den Dienst zu verlassen, jetzt aber hat er allerhand Gründe, die ihm den Abschied erleichtern, und da nun der alte Inspektor in Schönfelde ernstlich erkrankt ist, so soll die Übersiedlung nächstens vor sich gehen. – Ja, euch alle zu verlassen, ist wohl schade, aber Mutti meint, dort gibt es soviel zu tun, daß es zur Langeweile gar nicht kommen wird.«
»Na, das sind so Tröstungen – denk an mich, du armes Tierchen; und wenn dir in den langen, dunklen Winterabenden die Zunge festfriert, dann flüchte dich zu uns – wir werden dich schon wieder zum Menschen machen mit unseren tausend Abwechslungen.«
Sie wurden unterbrochen durch Hannis Mutter. »Guten Tag, kleine Ilse; Mademoiselle Senn ist draußen, um dich abzuholen. Da müßt ihr euch für heute schon trennen. Aber nicht wahr, du kommst im Herbst mit deiner Mama, dich nach uns umzusehen?«
Ilse war noch keineswegs bereit. »Die langweilige Person ist immer da, wenn man sie nicht wünscht! Liebe Frau Major, sie darf doch noch ein wenig warten?«
»Nein, liebes Kind, sie ist deine Erzieherin, und du mußt kommen, wenn sie ruft. – Und dann versprich mir eins: sei zuvorkommend gegen das gute Mädchen. Du machst ihr das Leben zu schwer, und sie trägt es so still und vornehm!«
»Vornehm?« meinte Ilse sehr gedehnt; »eine Gouvernante? – Es ist überhaupt eine Plage, sie zu haben. Mit vierzehn Jahren kann man doch unmöglich so einer noch gehorchen!«
»Liebes Kind, sie kann doch nicht dafür, daß sie deine Erzieherin ist, sondern deine Mutter hat sie dazu gemacht. Deren Wille ist es doch, gegen den du dich auflehnst mit deinem schroffen Wesen! Und das junge Mädchen scheint mir so vertrauenswürdig und lieb. Als sie mich neulich nach Hause begleitete, erzählte sie mir auf meine Frage von ihrer Heimat. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen; aber daran, wie die Gestalt sich aufrichtete und das Gesicht strahlte, als sie von ihren Lieben sprach, merkte ich, unter welchem Druck sie sich in der Fremde fühlt, und wie nur der Gedanke an ihre Mutter und die kleinen Geschwister, denen sie ein wenig helfen möchte, sie hoch hält. Denk doch, wie würde es dir sein, mitten aus allem, was dir lieb ist, herausgerissen zu werden und allein und unbekannt dein Brot verdienen zu müssen!«
»Mir? Aber das ist doch ausgeschlossen!«
»Woher? Sie hat es vor einem Jahre auch nicht gedacht, als ihr Vater mitten in seinem großen Wirkungskreise stand und alle möglichen Gäste in dem angeregten Hause kamen und gingen. Dann ist er ganz plötzlich gestorben. Die Mittel, die der Witwe bleiben, braucht sie nötig zur Ausbildung der fünf Brüder. Da mußte das junge Mädchen den ersten Weg einschlagen, der sich ihr bot. Aber sie hat es sich nicht so schwer gedacht, wie sie es jetzt findet, ohne den Rückhalt des Elternhauses zu sein! Man sollte doch mehr daran denken, denen, die in der Fremde leben, eine Heimat zu bereiten!«
Ilse sah sehr erschrocken aus. Ihr war nie der Gedanke gekommen, daß eine Mademoiselle auch Eltern, Heimweh, ein Herz habe. Sie hatte sie nur als eine Last empfunden, der sie sich möglichst viel durch stachliches Wesen zu entziehen strebte. Mama hatte auch nichts weiter mit ihr besprochen, als »was ihre Obliegenheiten wären«. – Bei Gerloffs sah man alles so ganz anders an. Und gerade die sollten nun fort. –