Mir scheint, sie hatte in allem recht; und sie ist doch noch nicht achtzehn Jahre alt. Ich glaube, das ewige Licht, das ihr jetzt das Leben erhellt, läßt auf einmal alle Dinge in ganz anderen Farben erscheinen, als sie bisher gehabt. Als ich wegging, war Tante Rantzau beglückt, wieviel froher und wohler Oda aussähe! Ach, könnte man ihr doch mehr sein! Immer Deine Hanni.«
12. Kapitel.
Weil ich Jesu Schäflein bin.
»Schönfelde, den 1. Oktober.
Liebste Käte! War das heute ein Sonntag! Zu schön! Nach mehreren Nebeltagen himmlischer Sonnenschein; so warm wie mitten im Sommer.
Als ich zu Oda kam, lag sie strahlenden Gesichts auf der Chaiselongue unter den Linden. Sie sah ganz rosig aus und lachte über die Sprünge der kleinen Teckel. Wir haben bei ihr gesessen, und sie hat sich unbeschreiblich gefreut über die prachtvolle, herbstliche Färbung, die frische Luft, die sie solange entbehrt und das Zusammensein mit uns allen. Als wir beide einmal allein waren, zog sie ein Päckchen unter ihrer Decke hervor und sagte: ›Da, nimm das heute; einen so schönen Tag kriegen wir so leicht nicht wieder. Sieh doch, die Blätter rieseln nieder wie ein goldener Regen.‹ Ich durfte das kleine Paket nicht aufmachen; ›erst beim Schlafengehen‹, bat sie.
Als ich weg mußte, küßte sie mich und sagte mit einem strahlenden Lächeln, was ich noch immer sehe: ›Auf Wiedersehen!‹
Montag. Soweit kam ich gestern. Als ich zu Bett ging, um einhalbzehn Uhr, wickelte ich das Päckchen aus und fand, tiefgerührt, das schöne, weiße Marmorkreuz, das immer auf Odas Schreibtisch stand. In den Sockel aber war mit goldenen Buchstaben eingraviert:
›Sollt ich denn nicht glücklich sein,