Nun bitte ich Dich, Oda zu sagen, ich verspräche ihr heilig und teuer – und Du weißt, dann halte ich es –, ein neues Leben anzufangen mit Mutti und mit den Jungen! Ich will es mir zu Herzen nehmen, was Deine süße Mutti mir beim Abschied sagte: ›Wenn wir uns nicht lieb haben – das heißt bei Kindern: sich vertragen –, dann sind wir eben nicht Gottes Kinder und können nicht als solche gelten.‹

Sage Oda, sie hätte mir zur Umkehr verholfen, vielleicht wird es sie freuen. Deine alte böse Käte.«

»Schönfelde, den 2. September.

Liebste Käte! Ach, wie ist das Leben ernst! Mir ist, als wäre ich in wenigen Wochen um viele Jahre gealtert.

Heute morgen schickten Rantzaus, ob ich kommen dürfe, Oda sei so unruhig und möchte mich sehen. Ich fand sie, die weiße Stirn mit Schweiß bedeckt, unruhig im Bett hin und her rückend, die Hände brennend heiß. ›O Herzchen, da bist du – die Nacht war zu lang!‹

Ich bat sie, nicht viel zu sprechen, ich wolle ihr was erzählen. ›Nein, du, ich ließ dich rufen, weil mir ein Stein auf der Seele liegt! Komm dicht heran – ich spreche ganz leise. Sieh, als meine Gedanken mir gar keine Ruhe mehr ließen, habe ich mich zuletzt damit zu trösten versucht, ich wollte dich bitten, das zu tun, was ich versäumt habe. Vielleicht kann ich’s dann leichter tragen – ebenso wie mich neulich Kätes Brief erleichtert hat. – – Sieh,‹ fuhr sie fort, ›die ganze Nacht stand mir das Bild von dem Knecht mit dem vergrabenen Pfund vor der Seele. Ich hörte immer das Wort: O du Schalksknecht! – Doch,‹ wehrte sie ab, als ich Einwände machen wollte, ›genau so bin ich! – Vor drei Jahren, als ich konfirmiert wurde, war es mir ein Herzensanliegen, nun auch was Ordentliches für Gottes Reich zu tun, und ich sprach darüber mit Herrn Pastor. Er riet mir, mich der Dorfkinder anzunehmen, ihnen durch Handarbeitsstunden und Sonntagsschule nahezukommen.

Ich fing es an. – Sie kamen – du kennst sie ja – blank gescheuert, verschüchtert, wie kleine Pagoden! – Ich zeigte ihnen dies und das und ließ sie einiges lernen und aufsagen. – Sie genierten sich namenlos vor mir – ich mich vor ihnen. Es war eine erzwungene Geschichte! Ich war froh, als der Sommer kam und Vater meinte, nun hätten sie kaum Zeit für dergleichen. – Den zweiten Winter betrieb ich die Sache noch lauer.‹ Ich versuchte einzuwenden, daß die ganze Art dieser Kinder so anders sei als die unsere, daß man schwer den Schlüssel fände! ›Aber wir sollen ihn finden,‹ meinte sie, ›und wir können es. Jetzt in den dunklen Nächten ist es mir aufgegangen: wir haben soviel Verständnis, wie wir Liebe haben. Denk mal hin, wo du liebst, erschließt sich dir jede Falte im Herzen des anderen. – Je tiefer die Liebe, desto größer das Mitfühlen, Mitdenken. Gott ist die Liebe; er ist allwissend! – Nun hatte ich gestern gelesen, man habe festgestellt, daß die meisten von allen, die Gott gefunden haben, in früher Jugend zu ihm gekommen wären – ganz wenige im Alter. Das rüttelte mich so auf! Ich stellte mir vor, daß ich schon in diesen Jahren manche von den kleinen Herzen hätte zu Gott führen können, die nun vielleicht den Weg nie finden, wenn ich nicht der schrecklichen, verkehrten Scheu und Verlegenheit Raum gegeben hätte, die mich an so vielem gehindert hat.

Für mich ist es jetzt zu spät. Und ich weiß, mein Heiland vergibt mir auch das noch zu allem anderen. Aber ich würde ruhiger sterben, wenn ich denken könnte, du nähmest diese Arbeit mit deinen frischen Kräften auf und brächtest sie nach und nach auch Gertrud nahe. Du weißt, von sich aus würde sie niemals dazu kommen.‹

Wir besprachen den Plan noch hin und her, und Oda wurde ordentlich belebt. Du kannst Dir denken, wie gern ich mir diese Arbeit vornahm, die ich mir im stillen schon lange gewünscht. Ich hatte nur gemeint, vor meiner Konfirmation könne ich nicht an dergleichen denken. Aber Oda, die einen erstaunlich praktischen Blick verriet, sagte, gerade schon jetzt möge ich anfangen, da, je älter und größer ich wäre, desto unüberwindlicher auch der Respekt und die Scheu der Kinder vor mir sein würde. Sie meinte, es solle erst mal für die kleineren Mädchen eingerichtet werden: eine Art Spielschule an zwei Nachmittagen. Gegen Weihnachten solle ich auch die größeren dazunehmen und mit ihnen nützliche Arbeiten anfangen, die sie für ihre Mütter zu Weihnachten machten. Das würde sie freuen.

So solle ich sie nach und nach erst mal kennen lernen und an mich gewöhnen, und wenn das gelungen, könne es gar nicht anders sein, als daß ich ihnen das nahe brächte, was das Leben meines Lebens ausmache.