Liebe Käte! Wenn in Geschichten so romantisch erzählt wird von ›süßem Hinüberschlummern‹, so ist, glaube ich, doch etwas unterschlagen! Das Sterben ist doch viel, viel ernster, als ich es mir gedacht habe, – ja, auch neulich noch gedacht, als Professor Howaldt sich so offen ausgesprochen.

Selbst wenn es schnell vorangeht, sind die Tage und Nächte lang! Beinahe glaube ich, daß ich es am allermeisten fühle, weil Oda sich so offen gegen mich ausspricht, wie sie es auch gegen ihre Mutter nicht tut, um ihrem Schmerz nicht immer neue Nahrung zu geben.

Ich dachte, sie, von der wir alle nichts als Liebes erfahren, könnte so ganz ruhig auf all ihre Tage zurücksehen. Aber auch dies ist nicht der Fall. Sie macht sich schwere Gedanken, daß sie nicht mehr mit Gertrud zusammen gewesen, sie nicht mehr lieb gehabt habe. Von jeher hätte sie so schrecklich gern allein in ihrem Stübchen gesessen und gelesen. Die kleine Schwester habe oft gefleht, sie möge mit ihr spielen. Aber sie hätte ihre Ruhe mehr geliebt. Nun sähe sie deutlich, daß aus Gertrud viel mehr hätte werden können, wenn sie, wie ihre Großmutter sagte, ›fleißig gespielt‹ hätte.

Aber allein sei das der Kleinen langweilig gewesen. So habe sie sich ein bißchen herumgetrieben, – ein bißchen mit den Mädchen dummes Zeug geschwatzt, – ein bißchen genascht.

Und jetzt in den langen Nächten, wo sie nicht schlafen könne, sähe die arme Oda immer klar vor Augen, wie über die Maßen wichtig die anfängliche Gewöhnung sei, und müßte sich anklagen; wenn manches bei Gertrud, ihrer geliebten, einzigen Schwester, eine verkehrte Richtung nähme, so hätte sie das ändern können – und habe es nicht getan. – Wenn sie in solchen ganz dunklen Stunden nicht wüßte, daß Gott ihr vergeben und alles gut machen könne, so müsse sie verzweifeln. Denke doch, Oda, die für uns alle ist wie eine Heilige! Was sollen wir einmal machen, wenn unsere Stunde kommt? Deine Hanni.«

»Berlin, den 18. September.

Meine alte Hanni! Kannst Du Dir vorstellen, daß ich eine schlaflose Nacht zubringen könnte? Ich, das Murmeltier? Ich habe es getan und werde nicht ruhig, bevor ich Dir eine Beichte abgelegt. Was Du mir von Oda schriebst, traf mich wie ein Donnerschlag. Bald fünfzehn Jahre habe ich unnützes Geschöpf die Erde verunziert und noch nichts als Verkehrtes gestiftet! Sag es selbst!

Daß es in der Schule mit den Leistungen glatt geht, ist nicht meine Schuld. Wenn ich die Arbeiten schreibe, werden sie richtig. – Aber wie manchen Krach hat es schon mit den Lehrerinnen gegeben wegen des Betragens!

Und nun zu Hause! Wieviel Not habe ich meiner allerbesten Mutti gemacht! – Und dann erst Ernst! Ich mag gar nicht daran denken!

Seit dem Abschied von Euch, wo ich einmal sah, wie dem kleinen Kerl das Herz weh tun kann, haben wir uns vertragen und manchen guten Tag zusammen gehabt. Aber das Frühere kann ich nicht ungeschehen machen. Ich glaube jetzt wirklich, Erni könnte ein anderes Kind sein, wenn ich zu ihm gehalten hätte, statt so oft hart gegen ihn zu sein.