Als ich Montag in Buchdorf ankam, fand ich Gertrud fassungslos auf ihrem Sofa. Sie hatte den Kopf in die Kissen gedrückt und wollte nichts sehen und hören. Erst saß ich lange still bei ihr, und als es anfing zu dämmern, bat ich sie, mit in den Garten zu kommen, damit ihr Kopf etwas freier würde in der frischen Luft. Wir sind bis zum Tee zwischen den Tannen auf und nieder gegangen, und dann gelang es, sie mit ins Eßzimmer zu bringen, damit die armen Eltern nicht auch sie entbehrten.

Am anderen Morgen schliefen wir bis in den hellen Tag. Unsere Köpfe waren noch ganz dumpf von all den Tränen. Zuerst konnten wir uns lange nicht besinnen, bis auf einmal die ganze, traurige Wahrheit wieder vor unserer Seele stand.

Nach dem Frühstück bat ich Gertrud, mit in den Garten zu kommen, und wir haben alles, was noch von Blumen da war, für Oda hereingeholt. Ganze Berge von Blüten und Zweigen brachten wir in den Gartensaal, wo wir dann einen schönen Kranz nach dem anderen gebunden haben. Gertrud wurde ganz eifrig dabei.

Aber nun höre, was ich am Abend erlebte! Ich trug zwei große Leuchter, die ich in den Saal bringen wollte, wo Oda lag. Da sie mir zu schwer wurden, bat ich die kleine Line, das zweite Stubenmädchen, den einen zu nehmen!

›Da rein?‹ rief sie mit einem Schreckensaufschrei und wies ganz entsetzt auf die Saaltür, ›nie im Leben!‹

›Warum denn nicht?‹ Ich verstand sie überhaupt nicht. Aber sie rannte weg wie gehetzt.

Ich wollte doch wissen, was sie eigentlich meinte und erwartete sie, als sie in unserem Schlafzimmer die Bettdecken abnehmen mußte. Scheu wollte sie an mir vorbei, aber daraus wurde nichts! Sie mußte sich sehr gegen ihren Willen zu mir hinsetzen, und ganz allmählich erfuhr ich ihre Geschichte.

Sie hat ihre Eltern nie gekannt und ist bei einer sehr barschen Großmutter aufgewachsen, die ihr wenig gute Worte gegeben hat und immer schwarze Kleider und Kopftücher trug, – ›auch im Bett‹, behauptete sie. – Das ist ja aber unmöglich.

Als sie etwa dreizehn Jahre gewesen, sei die Alte krank geworden und unter schrecklichem Ächzen und Stöhnen gestorben. Sie hätte gar nicht hinsehen können, so sehr hätte sie sich gegraut vor dem starren Gesicht in den schwarzen Tüchern!

Ich war ganz entsetzt und fragte, ob sie ihr denn nicht beigestanden hätte, sie gestreichelt und lieb gehabt? Aber sie schüttelte sich und sagte: nein, sie sei weggelaufen!