Dann nachher, als Tante Rantzau sie aus Mitleid hierher genommen, habe sie oft solche Schaudergeschichten von den anderen Mädchen gehört, mit denen sie im Zimmer schlief – kurz, sie könne niemals einen Toten sehen und nie mit einem unter demselben Dach schlafen!
Kannst Du Dir so etwas vorstellen? Gestern abend sei sie auf den Heuboden gekrochen, aber schlafen habe sie auch dort nicht können. Und nun habe sie schreckliche Angst! – Man sah es ihr an.
Ich wußte erst gar nicht, was ich sagen sollte. Nur mit größter Mühe konnte ich sie beruhigen. Ich versicherte, sie stelle sich alles falsch vor: Nichts sei schwarz im ganzen Saal. Oda sähe süßer aus als alle diese Wochen. Es sei kein schwarzer Kasten da, sondern nur weiße, zarte Decken und viele, viele Blumen. Ja, es sähe aus, als schliefe sie sanft in dem wunderschönsten Garten. Dann erzählte ich ihr von Odas großer Freude, zu Gott zu kommen; schilderte ihr, wie schön sie es doch hier gehabt, wo ihr jeder Wunsch erfüllt sei – und trotzdem sei sie völlig sicher gewesen, es dort noch viel besser zu haben! Das Mädchen konnte es gar nicht glauben. Dann zeigte ich ihr das Kreuz und die goldenen Verse, die sie mit größtem Interesse las. Mir fällt immer auf, was für eine überzeugende Macht Gedrucktes auf sie ausübt. – ›Ist das wirklich möglich?‹ fragte sie schwankend, ›ich habe mich immerzu und zuviel gegraut vor dem Sterben!‹
Denk mal, zu allerletzt kriegte ich das arme Ding so weit, daß sie einmal durch die Ritze in den Saal sehen wollte. Mit einem Gemisch von Neugier und Furcht stand sie lange da. Es sah wunderbar feierlich aus; die hohen Leuchter mit den vielen Kerzen zu beiden Seiten, die prachtvollen Myrten- und Lorbeerbäume, die wie ein Wald an den Wänden entlang standen und inmitten von allem Odas süßes, fast wieder rosiges Gesicht, von den schönen goldigen Haaren umrahmt, die lang niederfielen auf die durchsichtigen, weißen Spitzen. Mit gefalteten Händen und weit aufgerissenen runden Augen schlich Line immer näher und war ganz gebannt von dem, was sie sah.
Als wir endlich wieder draußen waren, flüsterte sie: ›Das war keine Tote, das sah aus wie ein Engel!‹ Ich sagte ihr: ›So wird sie nun für immer mit den Engeln bei Gott sein, Line. Und wir sollen auch hinkommen! Sie hat mir noch jedesmal die letzten Tage aufgetragen, euch allen das recht dringend zu sagen, damit ihr daran denkt. Aber dann muß man sich nicht vor Gott verkriechen auf den Heuboden, sondern in seinem hellen Schein leben und abends still in sein Bett gehen, die Hände falten und in dem Gedanken einschlafen: In des Vaters Arm und Schoß – Amen, ja mein Glück ist groß.‹ Ob sie das beten könne? ›Sie habe es gelernt!‹
Ich merkte deutlich, das arme Ding hatte gelernt, so etwas aufzusagen – vom Beten ahnte ihre Seele nichts. Ich will versuchen, unsere kleinen Gören beten zu lehren!
Jedenfalls hat Line mir versprochen, zu tun, wie ich ihr gesagt, und sie sah die anderen Tage viel klarer aus den Augen! – Aber schnell gute Nacht. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 2. November.
Liebste Käte, Du kannst wohl verstehen, daß ich keine Zeit zum Schreiben fand, solange Gertrud hier war.
Mutter schrieb Euch ja, daß die Kinder diese Wochen zu uns kamen, bis in Buchdorf alles desinfiziert und geordnet war. Tante Ida, die immer gern das übernimmt, was für die anderen zu schwer ist, war solange dort und hat nicht nachgegeben, bis die übermüdete Tante Rantzau ein paar Wochen mit Onkel in den Harz reiste, wo sie sich schön erholt hat.