Gertrud sollte nicht gern ohne die Eltern in dem traurigen Hause bleiben; darum ist sie mit der Erzieherin und den kleinen Jungen zu uns gekommen. Richtige Schule gab es nicht, aber Fräulein Arnholdt hat eine reizende, frische Art, alle zu beschäftigen. Wir durften morgens selber einen Plan machen, lauter Stunden, die wir gern hatten. Manchmal war auch eine von uns Lehrerin. Am Nachmittag wurden meist Wanderungen gemacht. War das Wetter zu schlecht, so lud Mutti uns alle vor den Kamin; wir verbrannten Tannenzapfen, die die kleinen Jungen gesucht und machten Bratäpfel.
Abends ging’s früh zur Ruhe. Wir alle waren noch müde von den Tagen vorher.
Du, es ist mir geglückt, die kleine Line mit herzukriegen für die Zeit. Ich bat sehr darum und sagte, sie könne sich ja nützlich machen in den Zimmern der Rantzaus-Kinder. – Wäre sie diese Tage in dem verödeten Schloß geblieben ohne genügende Arbeit, so wäre ihre ganze Graulichkeit verdoppelt wiedergekommen. Nun ließen wir sie viel bei uns sein; immer, wenn in den Stunden etwas vorgelesen oder erzählt wurde und auch bei den Religionsstunden, die ganz einzig sind bei Fräulein Arnholdt. Sie weiß so genau den Ton zu treffen, den die Kinder verstehen. Mehrere Male habe ich nachher mit Line über das gesprochen, was wir durchgenommen, und gemerkt, wie ihr alles vollständig neu war. Ist das nicht zu merkwürdig? Nachdem sie solange Schule gehabt! Mir scheint, als wenn diese Kinder, was die Begriffe anlangt, furchtbar lange wie im Schlafe leben. Niemand macht sich die Mühe, sie zu wecken. Line zeigt oft denselben Grad von Verständnis wie der zehnjährige Alfred Rantzau, und dabei ist sie durchaus kein dummes Mädchen.
Fräulein Arnholdt ist so munter; Du solltest bloß sehen, wie schnell und sicher sie jedes an seinen Platz befördern kann. Wir mochten so gern allein, ohne die kleinen Jungen, mit ihr in den Wald gehen, um ungestört über vieles mit ihr sprechen zu können. Dann setzte sie Line mit einem Strickzeug zu Fred und Heini, damit sie die Gesänge und Geschichten auch lerne, die die Jungen aufhatten.
Es sind übrigens reizende Kerlchen, die ordentlich Leben ins Haus brachten – eine große Hilfe gegen trübe Gedanken.
Montag reisten sie wieder heim, und nun fängt der Winter an, mit ihm auch meine Kinderschule. Ich will keine Zeit ungenützt vergehen lassen. Durch Line ist mir noch viel klarer geworden, wie nötig es ist, sich früh um die Kleinen zu kümmern. Am Sonnabend ist der Anfang. Ich schreibe Dir, wie es geht. Immer Deine Hanni.«
13. Kapitel.
Advent und Weihnachtszeit.
»Schönfelde, 1. Dezember.