Meine liebe Käte! Könnte ich Dich doch heute hier haben, damit Du auch einmal solchen stillen, friedlichen Wintersonntag auf dem Lande erlebtest! Vorstellen kannst Du Dir diese Ruhe und Feierlichkeit kaum.
Der Sonntag beginnt eigentlich für mich am Sonnabend nachmittag um sechs Uhr. Dann sind meine kleinen Schülerinnen mit ihrer Arbeit fertig. Die kleinsten, die am anderen Tisch sitzen und spielen, müssen ihre Sachen zusammenpacken, und ich hole die Pfeffernüsse vom Büfett, zu denen sie schon viele verstohlene Blicke hingeschickt haben.
Gestern fing nun die schöne Vorbereitung auf Weihnachten an. Du freutest Dich doch immer so an unserem Adventsbäumchen in der Tiergartenstraße. Ebenso eins steht hier wieder neben dem Klavier, und durch das kleine Transparent scheint die Lampe.
Die Kinder sahen furchtbar erstaunt – Du würdest sagen ›angedonnert‹ – zu allem aus. Das hätte mich früher sehr gestört. Aber dann denke ich an Odas Schmerz über ihre unüberwundene Verlegenheit, und gleich geht es besser.
Auch die Handarbeiten brachten mich zuerst in die größte Verwirrung. Aber Tante Ida weiß zu allem Rat. Sie setzt sich jetzt mit ihrem Strickzeug in die Fensternische, wo man sie vor den großen Blattpflanzen kaum sieht. Dann merkt sie, wenn ich nicht recht durchkomme oder wenn ein Strumpf ganz formlos werden will, und kommt still herbei, den Schaden auszugleichen.
Nun war ich aber beim Adventsbäumchen. Ich hatte unseren Dienstmädchen gesagt, falls es ihnen Freude mache, sollten sie doch auch in den Saal kommen und singen helfen. Die Kinderstimmen allein würden etwas dünn klingen. Punkt sechs kamen sie alle herein, sogar Mamsell, was mich riesig ehrte, und zu Tante Idas Begleitung sangen wir mehrere Lieder. Die Eltern saßen nebenan in Muttis Stube am Kamin und hatten die Tür während des Singens geöffnet. Als wir fertig waren, kam Mutti mit einem großen Korb voll Äpfel und Nüsse herein und sagte: ›Das klang ja wunderhübsch. Nun müßt ihr auch alle zusammen eine Belohnung haben.‹ Zu nett waren die vergnügten Gesichter anzusehen, und nachher hat Lisbeth mir erzählt, sie möchten so furchtbar gern singen und Klavier hören und hätten gemeint, dies sei wie ein Festtag gewesen! Ist das nicht rührend? Sie sehen und hören ja sehr wenig hier auf dem Lande und sind für die geringste Abwechslung dankbar.
Ist bei Euch auch so wunderbares Winterwetter? Dieser zarte Rauhreif auf den Tannen ist wie ein Märchen. Jetzt möchte ich Ernst wohl mal mit in den Garten nehmen. Mich freute so sehr, daß Du schreibst, er sei viel munterer und zuversichtlicher.
Erzähle mir doch nächstes Mal auch ein bißchen von Eurer Schule. Macht Herr Matz noch immer solche Sprünge, wenn er die Formel an die Wandtafel schreibt? Unsere Stunden sind oft sehr hübsch und interessant, aber die lustigen Zwischenstunden fehlen mir doch recht.
Ade, meine liebe Käte; es ist noch viel zu tun bis Weihnachten. Immer Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 22. Dezember.