Liebe Käte! Nun steht das Fest dicht vor der Tür, und die Pakete sind alle weg. War das eine Wirtschaft gestern! Mutti und Tante Ida haben den ganzen Tag gepackt und gekramt. Der lange Eßtisch im Saal war bedeckt mit Sachen.
Bist Du neugierig, was in der Kiste war, auf der ›Schönebergerstraße‹ stand? O, Du wirst Augen machen!
Sag doch Ernst, mit dem Harzer Baukasten könnte er lauter verschiedene Instrumente zusammensetzen. Sogar eine Feuerspritze mit aufziehbarer Leiter hat der geschickte kleine Franz Löber neulich daraus gemacht, als ich ihm die Sachen zum Ausprobieren gab. Er war begeistert – und ich hoffe, es wird auch Ernst Freude machen. Sind nicht die beiden Bären für Max und Moritz wonnig? Nächstes Jahr kriegt jeder von diesen großen ein kleines Zwillingspaar als Kinder. Ich sah sie im Laden – einfach zum Auffressen!
Gestern also sind nun alle Schlachtpakete gepackt; die Würste mußten ja erst fertig sein. Anfang der Woche war die große Schlachterei. – Unter uns gesagt, Käte, ein schauderhafter Anblick, wenn die ganze Küche mit riesigen Speck- und Fleischstücken vollgetürmt liegt! Ich sollte Mamsell etwas bestellen, floh aber, so schnell meine Füße mich tragen wollten, vor den Gerüchen davon. Weißt Du, Schmalzkessel, in denen ein dreijähriges Kind ertrinken könnte! Zu Tante Ida darf ich darüber aber nichts sagen. Sie findet es albern und kann beinahe ärgerlich werden, wenn man sich ›anstellt‹ über solche ›ganz natürliche und nützliche Dinge‹.
Die Würste, die nachher aus diesem Fegefeuer hervorgehen, sind ja auch nicht zu verachten. Sie werden Euch sicher gefallen. Es geht immer nach der Größe, und die zwei gleichen von jeder Sorte heißen Max und Moritz. Es war rührend, wie sorgfältig Mamsell sie alle geformt hat und sie dann stolz auf einem Brett in den Saal trug zum Einpacken.
Das Zubinden aller Pakete fiel mir zu, und ich habe jedesmal einen hübschen Tannenzweig mit Lametta obenauf befestigt, was Tante Ida zuerst etwas unnötig und zeitraubend fand. Als aber alles fertig dastand, war sie ebenso entzückt wie ich.
Aber ich rede mich fest, und muß doch noch all unsere Sachen für die Weihnachtsbescherung der Dorfkinder zusammenholen. Der Schrank in Nr. 6 ist schon beinahe voll. Früher hat Tante Ida nur jeder Mutter ein Paket ins Haus geschickt, aber dies Jahr dürfen alle Kinder, die laufen können – es sind 49 – Heiligabend um fünf Uhr auf die Diele kommen, und für jedes wird ein Platz gemacht. Es war gar keine Kleinigkeit für mich, die Namen und das Alter von allen festzustellen, aber dabei haben meine Nähkinder geholfen. – Aber ganz schnell ade! Grüße alle. Deine treue Hanni.«
»Schönfelde, den 1. Januar.
Meine liebe Käte! Dies war das wunderschönste Weihnachtsfest, was ich je erlebt. Erzählen läßt es sich gar nicht, Du hättest es sehen müssen. Die eifrige Arbeit den ganzen 24.! Endlich, um vier Uhr, war die Bescherung auf der Diele fertig. Unsere schöne Krippe mit den geschnitzten Figuren aus Oberammergau hatte ich in einer Ecke aufgebaut, wo alle Kinder sie gut sehen konnten. Die festliche Tafel entlang standen die Teller mit Äpfeln, Kuchen und Nüssen, und daneben für jedes Kind seine Geschenke. O, dies Glück!
Solange sie ihre Weihnachtslieder hersagten, sahen sie freilich noch beklommen und schüchtern aus. Nach und nach wurden aber besonders die Kleinen ganz lebhaft und strahlten vor Freude. Und denk Dir: alle Mütter, die mitgekommen waren, dankten mir nachher herzlich dafür, daß die Kinder jetzt so viel schöne Lieder singen könnten, und für das, was ich den Kleinen sonst an den Sonnabenden beigebracht. In den letzten Stunden hatte jedes Kind goldene Ketten, Rosen und Lilien aus Papier gemacht, die ihre kleinen Bäume zu Hause schmücken sollten. Ich hatte nämlich nachgefragt, ob auch alle einen Baum kriegten, und aus den ungewissen Antworten gemerkt, daß das nicht so ganz sicher sei. Nun hatte Vater mir versprechen müssen, vom Gärtner für jede Familie eine kleine Tanne aus dem Walde holen zu lassen. Ich hatte ihnen Lichter kaufen dürfen, und die Kinder hatten den Schmuck besorgt.