Die Leute leiden ja nicht Not. Was sie gebrauchen, haben sie, aber für die Freuden des Lebens sind sie nicht gewohnt, Geld auszugeben, und Vater sagt, das sei ganz recht. In der Stadt machten die Leute das häufig umgekehrt: verjubelten das Nötige. – Kinder aber haben doch in aller Welt gar zu gern etwas Hübsches, auch wenn es nicht gerade nützlich ist; und die Eltern freuen sich an ihren glücklichen Gesichtern.

Nun war ich ganz selig, als Frau Niemann – Du weißt, die mit den vielen dicken Kindern – mir beim Abschied sagte: ›Solch schönes Weihnachtsfest, wie dies Jahr, hätten sie noch niemals gehabt. Das meinten sie im ganzen Dorf.‹ Ist es nicht zu schön, wenn man mit seinen armen, schwachen Kräften doch ein klein winziges Eckchen in der Welt heller machen kann? Ach, es gibt so viel, viel Dunkel. Wollen nicht wir, die das Licht kennen, alles daran setzen, es auch anderen zu zeigen?

Aber nun denkst Du vielleicht, ich sei so selbstlos geworden, daß ich für mich selbst gar keine Wünsche mehr gehegt? Leider doch nicht!

Freilich, als die Diele von Menschen leer war und ich meinen heißen Kopf einen Augenblick draußen abkühlen wollte, vergingen mir alle Gedanken an die äußeren Zutaten der Weihnachtsfeier. Nein, Käte: der Sommer mit seinem Grün und Duften ist wohl schön, aber die Herrlichkeit von so einer feierlichen, glitzernden Winternacht übertrifft alles. Es war so atemlos still, daß man die Stille hörte. Die Flocken fielen leise zur Erde, jedes Zweiglein war zauberhaft umsäumt von den feinen Rauhreifkristallen. Das Flimmern der Sterne und der zarte Schein der kleinen Mondsichel beleuchteten märchenhaft und geheimnisvoll den blendenden Schnee, die hier und da durchschimmernden dunkelgrünen Tannenzweige und das rotbraune Laub der Hainbuchen. Die Wege sahen verschlafen aus unter der überirdisch reinen, weißen Decke. Es war einem wirklich, als hörte man leise, himmlische Glocken und die Stimmen der Engel. Fast zur Gegenwart wurde es mir, daß in dieser Nacht die ganze Kreatur Sprache habe, daß die Pflanzen und die Tiere des Waldes reden können, und ich verstand gut den Volksglauben, daß in den heiligen Stunden kein Gottesgeschöpf dem anderen wehtun könne – kein Marder eine Taube töten – kein niederfallendes Felsstück ein Mäuslein erschlagen. Kaum konnte ich mich losreißen von all dem Zauber, und es wurde mir fast schwer, zu unserer Feier hineinzugehen.

Aber dann war’s wunder-, wunderschön. Das einzelne kann ich Dir heute leider nicht mehr schildern, weil ich eben Schlittenglocken höre. Pastors kommen, um mit uns Neujahr zu feiern. Viele, viele Grüße und die allerbesten Wünsche fürs neue Jahr von Deiner Hanni.«

»Berlin, den 1. Januar.

Meine alte Hanni! Ich wollte Dir recht noch einmal im alten Jahre die Hand drücken und mit Dir gemeinsam einen Rückblick halten auf all das Viele, was es uns gebracht und auch genommen.

Aber daraus wurde nichts, und meine guten Wünsche nimmst Du sicher auch heute noch an. Übrigens hast Du auch schon welche mitbekommen in dem Dankbrief, den ich neulich an Deine rührende, geliebte Mutter schrieb.

Wer mich gestern am Schreiben hinderte, war Ilse, die sich zu Hause trostlos einsam fühlte. Ihre Eltern hatten in eine offizielle Silvestergesellschaft gemußt, da suchte sie nun bei uns Zuflucht. Das arme Ding hat wirklich ein trübes Leben. Ich bin zuweilen in Versuchung, zu meinen, wir entbehrten dies und das. Aber wenn ich sie ansehe, fühle ich mich überreich in meinem warmen Nest. Das Allerschlimmste ist, daß ihre Eltern nicht so ganz gut miteinander stehen. Sie spricht natürlich nicht davon, aber ich merkte es an mancherlei Äußerungen, als ich die letzte Zeit häufig mit ihr zusammen war.

Ich habe auch den Eindruck gewonnen, als wenn bei ihr das Wertlegen auf Mode und Eleganz ziemlich obenauf liegt und aus Langeweile entsteht. Sie verfällt auf solche Dinge, wenn ihr nichts Besseres in den Weg kommt – und auch, weil ihre Mutter dergleichen sehr wichtig nimmt. Ilse selbst ist riesig gutmütig.