Ich muß Dir doch erzählen, wodurch wir jetzt soviel zusammenkamen: es war eigentlich der reine Zufall, wenn man etwas, was soviel Folgen hat, Zufall nennen kann.

Sie begleitete mich von der Schule nach Hause. Da sahen wir in der ärmlichen Nebenstraße, durch die wir der Abkürzung wegen gingen, ein kleines Mädchen jammervoll weinend etwas auf der Erde suchen. Ilse fragte, was ihm fehle, aber vor Schluchzen konnte das Wurm gar nicht sprechen. Endlich kriegen wir raus, daß sie einen Groschen verloren hat, für den sie – falle nicht um – für sich und ihre beiden kleinen Geschwister Mittag kaufen sollte. Ein kleines Brot gäbe es dafür! Nun würden die Kleinen den ganzen Nachmittag weinen, ihr täte auch der Magen schon weh; und am Abend würde Mutter sehr böse sein, wenn sie vom Waschen nach Hause käme.

Ilse war starr. – Ich habe schon oft von Mutti und auch von unserem Mädchen gehört, wie kümmerlich es manche Leute haben. Aber Ilse war das ganz neu. Sie wollte durchaus sehen, wo die Kinder lebten, und die Kleine sollte uns hinführen. Ich sagte, ohne Brot, nur so aus Neugier, könnten wir unmöglich hinkommen. Zum Glück fand Ilse in ihrer Manteltasche noch das Geld, was sie am vorigen Tage nicht für die Eisbahn gebraucht hatte, weil ›das verwünschte Tauwetter‹ gekommen war. Wie froh war sie jetzt über das Mißgeschick! Wir erhandelten drei kleine Brote dafür – drei Mittagessen für ein Schlittschuhlaufen – und nun ging die Reise los. Beim Gehen überlegte Ilse: ›Dies trockene Brot muß den Krabben ja im Halse stecken bleiben, wenn sie nichts dazu haben.‹ Das hörte die Kleine.

›Unten bei uns ist ein Milchladen. Wir mögen so gern einbrocken – aber das kostet zu viel.‹ Auch in meinem Federkasten fand sich noch ein Groschen, und wie der Wind war die Kleine vorauf, einen Topf zu holen. Vorsichtig tasteten wir dann die schmalen, nach oben dunkler werdenden Treppen hinauf. Oben ward uns ein rührender Anblick. In einem sehr ärmlich aussehenden Stübchen standen zwei magere, blasse, kleine Kinder – Junge und Mädchen – angefaßt und die kleinen Gesichter gegen die Fensterscheibe gedrückt, sehnsüchtig auf die große, sechsjährige Schwester wartend.

›Was ist es für ein Glück, daß wir gerade durch die Querstraße gingen,‹ sagte Ilse sehr ernst. ›Denk doch bloß, diese kleinen Jammerbilder hätten bis zum Abend hungern müssen!‹ Sie sah ganz verstört zu, wie gierig die Kleinen das Brot aßen, was die über ihre Jahre verständige Schwester ihnen in die Milch brockte.

Endlich erinnerte ich daran, daß wir zu spät zum Mittagessen kommen würden. Ilse konnte sich gar nicht von den Kindern trennen und sagte, sie käme nächstens wieder und brächte ihnen was Schönes mit. Wir merkten uns genau Haus und Straße.

Am anderen Morgen kam Ilse empört in die Schule. ›Denk bloß, wie engherzig Mama ist! Ich habe ihr von unserem Abenteuer erzählt. Willst du glauben, daß sie entsetzt war über meine Unvorsichtigkeit, ein fremdes Haus zu betreten, und mir aufs strengste verbot, je wieder zu solchem ›Gesindel‹ in die Stube zu gehen! Sie irrt sich aber sehr, morgen gehe ich wieder hin.‹

›Aber Ilse, das wirst du sicher nicht tun gegen ihren Willen,‹ sagte ich. ›Auch meine Mutter war erschrocken, als sie von unserem Besuch eines wildfremden Hauses hörte. Aber sie sagte, da wir in der besten Absicht hineingegangen wären, durften wir auch auf Gottes Schutz rechnen. – Nun will sie sich heute nach dem Näheren umsehen.‹ Mit vieler Mühe brachte ich Ilse zu dem Versprechen, nichts gegen den Willen ihrer Mutter zu unternehmen.

Als ich zu Hause von unserer Unterredung erzählte, konnte Mutti, wie so oft, schon die Schwierigkeit lösen. Sie war bereits in der Wohnung gewesen und sagte, die Straße sowie das Haus sei so anständig, daß wir ohne weiteres hingehen könnten, den Kindern eine Freude zu machen. Sie hätte beim Wirt erfahren, daß die Mutter der drei Kleinen eine äußerst brave, fleißige Frau sei, die schwere Mühe hätte, für sich und die Kinder immer das Nötige zu erarbeiten, da sie schon seit der Geburt des Kleinsten Witwe wäre. Mutti mußte doch der Frau von Herder am Nachmittag eine Visite machen wegen einer anderen Angelegenheit. Dann wollte sie auch erzählen, was sie erlebt, und hoffte, für Ilse die Erlaubnis für fernere Besuche zu erwirken. Du hättest Ilses Glück am nächsten Tage sehen sollen! Ihre Mutter hatte sich – freilich mit vieler Mühe – erweichen lassen, ihr den Gang zu erlauben. Nun brachte sie ein ganz unförmlich dickes Paket herbei und freute sich beinahe ebenso wie die arme Frau und die Kinder, als die alten, noch sehr guten Kleider, Strümpfe, Schuhe, Brötchen, Äpfel und was nicht noch alles zum Vorschein kamen. Ja, ein halbes Pfund Butter brachte sie mit; einen Schatz, den die kleinen Würmer gar nicht genug bewundern konnten.

Und nun denk, was sie seither jede Woche treulich tut: sie spart alles zusammen, was sie selber entbehren kann – von der Mutter nimmt sie nichts dazu – und packt es in einen Kasten. Manchmal sind da Äpfel, Kuchenstücke, Brötchen, Kleidungsstücke, Bilderbücher und Spielsachen. Und immer ein Stück Butter. Weil sie sie so liebt, jammert sie dies Entbehren der Kleinen am meisten. Nun nimmt sie selber morgens nie mehr welche zum Frühstück. Und wenn dann die Woche um ist, holt sie sich aus der Küche so viel, wie sie wohl meint, erspart zu haben. Frau Berger ist unendlich dankbar und erfreut und sagt, seit ihr Mann tot sei, habe sie noch keine so gute Zeit gehabt. Sie käme immer ganz schön aus und brauchte sich nicht mehr so vor dem Tage zu ängstigen, wo sie Miete zahlen müßte.