Ist es nicht eigen, zu denken, daß mit dem, was so ein junges Ding erübrigt, einer ganzen Familie zu helfen ist? – Ilse kriegt ja ein ziemlich großes Taschengeld – und seit unserem Abenteuer hat sie, glaube ich, noch weder neue Glacéhandschuhe gekauft, noch so große, seidene Haarschleifen. Kleinigkeiten kann ich ja auch immer beisteuern; aber naturgemäß sind die Abfälle bei Herders größer als bei uns.

Auf Weihnachten hat Ilse sich ja sonst nie sehr gefreut. Ihre Wünsche werden das ganze Jahr lang im Übermaß erfüllt – die Geschenke haben also keinen besonderen Reiz; und weiter ist es nicht viel mit der Feier bei Herders. Dies Jahr strahlte ihr Gesicht ordentlich, als ich sie in der Christvesper sah. Sie kam eben von den armen Bergers, die ganz glücklich gewesen waren über all ihre Geschenke. – Das Nähen verabscheute doch Ilse so – jetzt hat sie mit ihren steifen Fingern alles mögliche für die Kleinen zustande gebracht. Ihre nette Berta hat ihr dabei geholfen.

Nun wolltest Du noch hören, wie es in der Schule geht. Besonderes ist nicht zu berichten. Die Aufstände in der Zeichenstunde werden immer toller. Aber großartig ist der neue Geschichtsprofessor; dessen Schilderung der Freiheitskriege solltest Du hören – einfach begeisternd! – Aber jetzt in den Ferien liegt mir das sehr fern. Ein andermal mehr davon. Nun muß ich wieder in die Weihnachtsstube; Ernst wartet ungeduldig mit seinen aufgestellten Truppen.

Tante Else mußt Du noch von mir sagen: jeden Tag streichle und liebkose ich ihren Arbeitskasten mit den vielen Fächern und packe alles aus und ein. Die Perlmuttereinlagen zwischen dem hellblauen Sammet sind einfach zum Entzücken. – Tante Idas Ekkehard hat die erste Nacht unter meinem Kopfkissen geschlafen; aber sie soll sich keine Sorgen machen, daß ich im Bett lese. Was ich versprochen habe, halte ich. Und damit ade! Immer Deine Käte, im alten wie im neuen Jahre.«

»Schönfelde, den 1. Januar.

Liebste Käte! Neulich machten die Schlittenglocken meinem Brief vorzeitig ein Ende. Heute muß ich Dir nun schildern, was für einen strahlenden Anfang das neue Jahr nahm. Es war zu hübsch! Was ich hörte, war nicht allein Schellengeläute, sondern klar und deutlich erklang die Melodie: ›Das alte Jahr vergangen ist.‹ Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte, mitten im Sommer zu sein und von Admiral Kählers Tannenhügel her die Töne zu hören.

Denk Dir, Klaras Vetter, Karl, erzählte doch schon im Herbst, daß er so gern Waldhorn blase; nun hat er zu Weihnachten ein eigenes bekommen und spielt es wunderhübsch, noch viel besser als Hertas Bruder.

Das Allerschönste kam aber nach dem Abendessen. Klärchen und ich wollten ein bißchen in der Veranda auf und ab gehen, weil uns drinnen bei all den Lichtern die Köpfe warm geworden waren. Da flammte auf einmal eine Feuersäule drüben hinter dem Wasserrosenteich in die Höhe. Brennende Glut bis in die letzten, kristallenen Spitzen der Buchen und Linden. Über jede Beschreibung! Wir schrien erst laut auf und wußten gar nicht, was wir davon halten sollten. Aber als die Großen herbeikamen, sahen wir an Vaters Gesicht, wer sich diese Überraschung für uns ausgedacht, und auch des Gärtners und seines Burschen dunkle Gestalten, die draußen hin und her huschten, lösten uns das Rätsel. Schon flammte ein bengalisches Licht hinter dem anderen Teich und links in der Grotte auf – grünliche und rote Flammen – und jetzt begann vom Berge her, langgezogen und feierlich: ›Es ist ein’ Ros’ entsprungen.‹ Die glockenhellen Töne weckten einen Widerhall in dem klingenden Schnee. Käte, schildern kann ich Dir gar nicht, wie es war; – Du mußt Dir dies Klingen und Flimmern in der stillen Luft vorstellen!

Alles, was wir an unseren schönen Sommerabenden miteinander beim Heimgang vom schwarzen See gesungen, kam an die Reihe: ›Es liegt eine Krone im tiefen Rhein‹, ›Sah ein Knab’ ein Röslein stehn!‹. Zuletzt auch wieder: ›Morgen muß ich fort von hier‹.

Schade, schade, daß es dann zu Ende war, und daß in drei Tagen auch die Ferien zu Ende sind.