Kennst Du die süße Melodie? Die klingt mir den ganzen Tag in den Ohren. Die kleine Quelle am Ende des Buchenganges sprang auch gar zu lustig über die hellen Kieseln – die Schneeglöckchen drängen sich in so dicken Büscheln unter dem braunen Laube vor – in jeder Hecke zirpt und zwitschert es, an jedem Busch werden die hellen Spitzen sichtbar, wie kleine Funken und Lichter, wenn die Sonne darauf scheint. Es ist ein Drängen und Wachsen, ein Herauswollen aus der Enge, ein in die Höhe streben, in die Weite sehnen, daß man selbst gar nicht ruhig dabei bleiben kann!
Ich war nicht imstande, meine englische Übersetzung fertig zu machen, als die Sonne mir trotz meines Wegrückens immer wieder auf den Blättern der Hefte herumtanzte. Unaufhaltsam bohrend, tropfte – trip, trip, trip – das Wasser vor meinem offenen Fenster auf das Verandadach. Nachts waren noch ein paar Eiszapfen gefroren, jetzt lösten sie sich schnell vor den Strahlen auf, und jeder Tropfen rief: ›Komm mit, komm mit! Wir können auch nicht mehr still sitzen oben am Dach! Es geht hinaus zu den anderen – ins Bächlein – über Steine und Moos – immer weiter, bis zuletzt das Weltmeer uns aufnimmt!‹
Sag, wo wir wohl mal hinkommen, du und ich? Was für Schicksale wohl auf uns warten? Ob wir in der Heimat bleiben sollen oder einmal die lockende Ferne sehen? Ob eine große, schöne Arbeit auf uns wartet oder unsere Flügel beschnitten werden? O, nur das nicht! Recht hinaus ins Leben! Viel Arbeit, viel Gelingen, viel Lernen und Begreifen! Zusammenschluß mit großen, berühmten Menschen, deren Einfluß in die Weite reicht! Ach, recht, recht viel erleben möchte ich zu gern!
Manchmal verstehe ich nicht, daß Tante Ida die Ruhe und Stille so liebt. Mir liegt viel mehr daran, was Neues zu erfahren, Menschen kennen zu lernen, zu sehen, was jenseits der Berge wohl sein mag!
Nun ist’s nur noch ein Jahr, bis wir konfirmiert werden. Bleibst Du bei Deinem Plan, dann gleich ins Seminar zu gehen? Ich weiß noch gar nicht, wie es mit mir wird. Vater möchte am liebsten, daß ich gründlich Haushalten lernte; aber mir kommt es vor, als wenn ich davon bereits eine ganze Menge verstehe. Letzthin habe ich sogar schon geholfen, einen großen Koffer voll Garn leer zu packen, und das feinere für Handtücher, das dickere für Bettzeug auszusuchen. Der Weber war da und brachte das, was vorigen Winter gesponnen und nun gewebt war; lauter dicke, schwere Rollen. Tante Ida und Mutti waren begeistert, was ich von mir nicht sagen kann, denn hübsch ist was anderes – es sah grau und unscheinbar aus.
Ich muß gestehen, ich möchte viel lieber hinaus und etwas lernen, was ich noch nicht kenne, am liebsten eine fremde Sprache im Ausland. Aber dazu werde ich sehr schwer der Eltern Erlaubnis kriegen! Wieviel leichter wäre das, wenn noch sechs andere Mädels da wären, sie über mein Fernsein zu trösten! – Ja, dann!
Aber ich will mich nicht unnötig sorgen, sondern geduldig warten, wie es kommt. Weihnachten sorgte ich, die Zeit bis Ostern sei gar zu lang – sie ist mir verflogen im Handumdrehen. – Wenn’s mir gut ist, die Welt kennen zu lernen, wird sich schon ein Weg finden.
Nun noch etwas Betrübtes: Denke Dir, Muttis Kopfschmerzen sind jetzt, statt sich in der Landluft zu bessern, viel schlimmer als je. Der Arzt sagte neulich, so ginge es nicht weiter. Man wolle noch ein Weilchen warten, ob es vielleicht die Frühlingsluft sei, die es so verschlimmere. Wenn es aber nicht anders werde, müsse etwas Ernstliches geschehen. Hoffentlich geht es vorüber! Grüße Deine Mutter schön von Deiner Hanni.«
»Berlin, den 10. Juni.
Liebste Hanni! Schon neulich waren wir bekümmert über das, was Du von Deiner lieben Mutter Befinden schriebst, und nun brachte Dein langer gestriger Brief große Aufregung und Kummer hervor. Also sie ist gar nicht wohl und soll in ein Sanatorium? Ich kann mir denken, wie der Plan Dich betrübt; Du bist noch niemals wochenlang von ihr getrennt gewesen. Aber trotzdem sagt Mutti, sie verstände es durchaus, daß Du nicht mit solltest. Da ist es eigentlich nett, daß Du zu Pastors kommst. Ich denke mir, Euer Zusammensein kann auch ein rechter Spaß für Dich werden.